Gebäudegrün als DNA eines Bauwerks - Deutsche Gesellschaft für Hydrokultur e.V.
Blühende Eucharris

Gebäudegrün als DNA eines Bauwerks

© Gerhard Zemp

2015 startete Gerhard Zemp mit zwei Mitstreitern "aplantis", ein Architekturbüro für Gebäudebegrünung, mit Sitz in Bern und Projekten in Deutschland und der Schweiz. Das Aufgabenfeld erstreckt sich über Dach-, Fassaden- bis hin zur Innenraumbegrünung. Gerade bei letzterem fühlen sich meist weder Hochbau- noch Landschaftsarchitekten wirklich befähigt. Als Pionier in diesem neuen Gebiet fällt die Akquise oft schwer, da normierte Verfahren bisher keine Gebäudebegrüner vorsehen.

Gebäudebegrünung – was ist das genau und warum braucht es dafür
Die Gebäudebegrünung ist keine eigene Sparte, eher ein Randgebiet vieler Disziplinen. Sie beinhaltet aber alles was Grün ist – in, an und auf dem Gebäude. Das wird immer wichtiger: Der Freiraum ist in der verdichteten Stadt nicht immer vorhanden, daher wandert das Grün zum Gebäude, als Dach-, Fassaden-, und Innenraumbegrünung. Die Funktionalität ist dabei ein wichtiger Punkt, denn rein dekoratives Grün ist nicht nachhaltig. Die Fassadenbegrünung hilft gegen Schall und Hitze und ermöglicht eine Befeuchtung. Im Außenraum hat sich die Dachbegrünung etabliert. Im Innenraum beeinflusst Grün das Raumklima – aber hier sind sich selbst Fachleute nicht einig, laut Wissenschaft ist der Einfluss auf den Sauerstoffgehalt nur marginal. Belegt ist aber die Wirkung auf Luftfeuchte und Schall – hier kann die Gebäudebegrünung viel erreichen.

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Architekturbüro für Gebäudebegrünung zu gründen?
In die Branche bin ich zufällig reingerutscht. Zuvor war ich als Gartenbauingenieur in der Innenraumbegrünung mit Hydrokultur tätig. In meiner Leitungsfunktion beim größten Innenraumbegrüner der Schweiz hatte ich immer häufiger mit Bauaufgaben und Architektur zu tun, weswegen ich ein berufsbegleitendes Studium hinzugefügt habe, aber in Architektur, nicht Landschaftsarchitektur. Das Problem bei der Begrünung ist ja, man ist immer zu spät in das Projekt involviert. Meine Motivation war, ein Architekturbüro zu gründen, um früher mitzuwirken und mitgestalten zu können, in Form einer neuen Disziplin aus Hortikultur, Architektur und Landschaftsarchitektur.

Innenraum- und Fassadenbegrünung fand ich schon immer spannend, aber ich vermisse Innovation und Weiterentwicklung. Alle reden nur über Produkte oder Systeme, nicht aber, wie man die Disziplin auf Augenhöhe vorwärtsbewegt. Dazu gibt es zu wenig gute Beispiele.

Und die Sie liefern nun mit "aplantis"?
Wir versuchen immer, mit allen Beteiligten zusammen etwas Neues entstehen zu lassen. Und dabei alle zu packen, um etwas zu entwickeln, worauf jeder stolz sein kann. Nur so kommen Themen weiter. Ich finde es schade, schon bei der ersten schwierigen Frage weg zu knicken. Warum nicht einmal intensive und extensive Dachflächen kombinieren? Wir wollen mit jedem Projekt für neue spannende Resultate einen Schritt weiter gehen.

Ist die Gebäudebegrünung ein Zukunftsberuf für Einzelne oder könnte daraus sogar ein neues Berufsfeld entstehen?
Die Gebäudebegrünung und Unterdisziplinen werden auf dem Vormarsch sein, aber ein eigener Beruf muss es nicht werden. Die Gebäudebegrünung wird sich eher ausweiten in Form weiterer spezialisierter Architekturbüros oder in deren Abteilungen. Ich hoffe, dass das Thema an den Schulen und Hochschulen immer mehr in den Fokus rückt. In Europa ist es vielleicht nicht so dringlich, hier sind nur kleine Städte und jeder ist schnell in der Natur. Aber in Stadträumen wie Manhattan muss das Grün an den Arbeitsplatz kommen, da man gar nicht mehr die Zeit hat, bis ins Grüne zu kommen. Das habe ich selbst schon in Frankfurt so erlebt: Da rentiert es sich in der kurzen Pausenzeit nicht, aus dem Hochhaus rauszukommen.

Im "Commerzbank-Tower" in Frankfurt haben Sie den über 20 Jahre alten "Skygärten" ein neues Gesicht gegeben. Wie kam es dazu?
Wir haben die "Skygärten" vitalisiert. Dabei haben wir versucht, die Entwurfsintention von Sir Norman Forster weiterzuentwickeln, da die ursprüngliche Zusammensetzung nicht wirklich passte. Die Lage ist klimatisch schwierig: Das Gebäude wird über die Gärten gekühlt, die Pflanzen dienen als Puffer. Damals fehlte die Erfahrung, es war das erste begrünte Hochhaus. Wir haben artverwandte Pflanzen ausgewählt, die sich für die klimatischen Bedingungen besser eignen, dabei aber das Gestaltungskonzept übernommen.

 

Wie kommen Sie zu Ihren Projekten? Schließlich sind klassische Ausschreibungen wie bei anderen Architekturgewerken noch kein Standard.
Architekten vermeiden in der Regel Grün. Häufig wird erst an das Grün gedacht, wenn der Bau fertig ist und dann was fehlt. Die Beauftragung kommt dann übers Facility-Management. Wir gehen aber auch frech auf Büros zu und bieten an, uns als dritten Player hinzuzunehmen – immer dann, wenn das Grün am Boden wegfällt. Ein Investor wollte zum Beispiel eine vertikale Stadt, der Architekt dachte das Grün rein dekorativ und der Landschaftsarchitekt wusste auch nicht weiter – da waren wir als Fachspezialisten gefragt.

Bei großen Konzernen versuchen wir zu vermitteln, wie wichtig Grün am Arbeitsplatz ist. Aber in klassischen Ausschreibungen wird das Thema immer vergessen, daher muss es transparenter gemacht werden. Bisher ist die Gebäudebegrünung nur ein Teil der Architektur, aber nie explizit ein eigenes Thema. Wir wollen die Gebäudebegrünung in die Ziffern der Ausschreibungen bekommen und haben dafür einen Antrag bei den Gremien erstellt.

Architekten, Landschaftsarchitekten und die Hortikultur sollen das Thema gleichermaßen weiterbringen, das ist Grundlagenarbeit. Wir selbst sammeln für ein Grundlagenbuch, denn schon Le Corbusier hat Gebäude in der "Weißenhofsiedlung" begrünt. Außerdem versuchen wir das Thema auszubauen und haben ein Forschungsprojekt mit der "Hochschule Weihenstephan" laufen.

Bisher werden Sie oft erst sehr spät in die Bauprojekte einbezogen, legen aber Wert darauf, ein schlüssiges Konzept zu entwickeln. Geht das überhaupt in dieser späten Phase?
Wichtig ist, nicht nur die Aufgabe zu haben, "machen Sie irgendwie Grün". Anders als in der Architektur, gibt es in der Gebäudebegrünung kein Raumprogramm. Daher hinterfragen wir, warum es Grün werden soll. Häufig fällt das Gebäudegrün auch wieder aus der Planung raus, wenn man kein Programm, keine Funktion oder keinen Nutzen bieten kann. Daher ist es sinnvoll, möglichst alle am Anfang in einem "Kick-off" einzubinden, damit jeder seine Motivation und Bedenken äußern kann – das ist immer am spannendsten.

Haben Sie dazu ein Projektbeispiel?
Ja, bei Vodafone ziehen die Mitarbeiter um von Einzelbüros in den Großraum. Da war das Ziel, mit Grün die Motivation zu fördern. Wie wir herausgefunden haben, war das Hauptproblem aber die Akustik. Darauf wurde vom Budget fürs Gebäudegrün nichts mehr gestrichen, obwohl es teurer wurde.

Auch bei der Commerzbank lag das Problem woanders. Die Lüftungstechnik hat den Pflanzen geschadet und die Gärtner hatten kaum Budget. Wir waren alle am runden Tisch versammelt und haben erklärt, dass die Gärten funktionieren könnten und wie wichtig sie sind. Sie gehören zur DNA des Gebäudes und können den Immobilienwert zumindest erhalten, wenn nicht gar erhöhen. Jetzt herrscht bei allen Beteiligten Verständnis dafür und keiner will sie mehr entfernen.

Sollte man mehr Gebäudegrün wagen?
Häufig denkt man, mit Gebäude- und Innenraumbegrünung an Grenzen zu stoßen. Aber ich bin keiner, der beim ersten kritischen Punkt aufhört, sondern sich weiterwagt. Ich möchte motivieren, es lohnt sich nachzuhaken. Noch gibt es zu wenig gute Beispiele, dabei wäre so viel möglich. Zum Beispiel Moosgärten in schattigen Bereichen, da wächst dann auch kein Unkraut. Schaut man nach den Parametern und Killerfaktoren, findet man immer eine Lösung. Das Grün lohnt sich, oder kann sogar Mittelpunkt und Grund werden, warum alle kommen – das ist sowohl im "High-End-Level" möglich als auch im "Low-End"

 
Update: 2019-03-31 11:24:31