Pflanzenschnitte auch in der Raumbegrünung - Deutsche Gesellschaft für Hydrokultur e.V.
Dracaena Salisb.

Pflanzenschnitte auch in der Raumbegrünung

© Engelbert Kötter

Wenn Pflanzen schreien könnten !
Im Durch-Schnitt mangelhaft
In dieser Ausgabe geht es um das Beschneiden der Pflanzen. Schneiden ist mehr als ein lässiges Schnipp-Schnapp an einer Pflanze. Schneiden ist Gesundheitsvorsorge und Gesundheitspf lege. Schneiden ist optische Korrektur. Und wenn diese schon nach menschlichem Ermessen (sprich: Ästhetikempfinden) stattfindet, dann müssen die Kriterien dafür am Bedürfnis der Pflanze entlang gefunden werden.
Die Praxis weist aber anderes aus:
Selbst dann, wenn es den Pflanzen in menschlicher Obhut und Pflege gut geht, führt der unsachgemäße Pflanzenschnitt zu (nicht nur optischen) Schäden an der Pflanze, bis hin zu ihrem Ausbleiben. Pflanzenschnitt in der Pflegepraxis im Durchschnitt mangelhaft! Um wie viel mehr hat also eine Pflanze erst recht dann zu „leiden“, wenn sie durch Mangelversorgungen wie wir sie in dieser Artikelserie immer wieder beschreiben eh schon geschwächt ist! Wenn Pflanzen schreien könnten …

Blätter richtig schneiden

Der überwiegende Teil der Zimmerpflanzen entstammt der Gruppe der Blattschmuckpflanzen bzw. der so genannten Grünpflanzen. Blütenpflanzen sind deswegen in der Minderzahl, weil sie in aller Regel zur Blüteninduktion mehr Licht als in Innenräumen verfügbar, ist benötigen.
Außerdem scheuen viele Pflanzennutzer die herabfallenden Blüten, weil sie sie als Verschmutzung ansehen. Kurzum: Grünpflanzen gelten als pflegeleichter. Blattschäden an Zimmerpflanzen treten sowohl am ganzen Blatt (Blattalterung, Mangelernährung, Schädlingsbefall mit vor allem Spinnmilben und Thripsen), aber noch häufiger an den Blattspitzen (z. B. Yucca, Spatiphyllum) und Blatträndern (z. B. Bananen, Maranthen) auf.
Gelbe Blattspitzen sind zumeist Folge von Gießschäden (zuviel Wasser), gelbe Blattränder oft von Kaltwassergaben, Salzschäden und trockener Raumluft.
Blattflecken hingegen sind typisch für Bakterienbefall (z. B. Xanthomonas) oder Pilzbefall (z. B. Falscher Mehltau, Phyllosticta, Stängelfäule), sowie Virosen (z. B. Ringfleckenvirus).
Jegliche erkrankte oder befallene Blätter werden, sofern sie erkennbar nicht zu retten sind, meist ganz abgenommen.
Blattspitzen- oder Blattrandkorrekturen lassen sich durch Schnitt regulieren.
Dabei ist es entscheidend, die Blattform beim Schnitt zu berücksichtigen und den so auszuführen, dass die typische Blattform weitestgehend erhalten bleibt. Blattspitzen also nicht mit geradem Schnitt recht winklig zur Längsachse beschneiden, sondern immer mit zwei Schnitten, die auf die Längsachse des Blattes spitz zulaufen – und so die Blattspitze nachformen.

Triebe korrekt kürzen

Gleiches gilt für den Rückschnitt von Trieben. Auch nach deren Beschnitt soll das Erscheinungsbild der Pflanze möglichst natürlich wirken. Kasten- und ähnliche strenge Formschnitte daher nur bei streng formierten Pflanzen anwenden, um den Typus zu pflegen. In allen anderen Fällen schneiden Sie am besten „auf Verzweigung“.
Das bedeutet:
Reduzieren Sie einen Zweig stets so, dass eine innen, zur Pflanzenmitte hin gelegene junge Verzweigung die Rolle der neuen Triebspitze übernimmt. Der Schnitt einer z. B. Benjamini-Krone mit der Heckenscherenmethode würde hingegen bedeuten, die Blätter unschön zu zerfetzen und an den Trieben tote Zweigstummel zu provozieren.

Pflanzen mit Augenmaß formieren
„Eine Pflanze ist dann gut geschnitten, wenn man weiß, dass sie geschnitten wurde, man es ihr aber nicht ansieht“.
Diesen Leitspruch habe ich von meinem Vater übernommen, gewesener, wie ich, Gärtner.
Für die Schnittpraxis bedeutet das konkret, die Gehölz- bzw. Pflanzenproportionen zu wahren und den erforderlichen Schnitt überall an der Pflanze gleichmäßig durchzuführen. Ich selber mache es so, dass ich mir an einer Stelle in passender Entfernung zum Stamm eine Rückschnittstelle suche, an der ich „auf Verzweigung“ sinnvoll zurückschneiden kann.
Dieses Abstandsmaß halte ich dann rund um die Pflanzenkrone bei, wie ein Friseur beim Haarschnitt, indem ich mir überall passende neue Triebspitzen suche und bis zu denen zurück den Trieb abnehme.
Dabei muss natürlich die art- bzw. sortentypische Pflanzenform gewahrt bleiben. Ebenso, wie ein nach oben sich verjüngender Kronenaufbau. Häufiger Schnittfehler ist nämlich eine so genannte „überbaute Krone“. Sie entsteht, wenn dem natürlichen Bestreben der Pflanze stattgegeben wird, nach dem Prinzip der Spitzenförderung zu wachsen. Wird dann immer nur der jeweils lästige Austrieb zurückgeschnitten ohne die Verzweigung auszulichten, dann entsteht der typische Bürstenwuchs vieler älterer Indoor-Pflanzen.
Der führt dann dazu, dass die obere die untere Kronenregion überbaut, der unteren das Licht abgräbt und diese dann verkahlt.
Bei Pflanzen mit Wuchstyp der Liliaceen Yucca oder Dracaena, werden die Triebe stets treppenförmig reduziert, damit ein bewegtes Pflanzenbild entsteht und keine reine Kandelaberform, bei der alle Triebe auf einer Höhe abgeschnitten wurden. Dieses Prinzip können Sie auch bei mehrtriebigen krautigen Pflanzen wie Aglaonema oder Dieffenbachia anwenden.

Starker Rückschnitt – aber fachgerecht
Bei schädlingsbefallenen Pflanzen und erkrankten, kann ein radikaler Rückschnitt mitunter dazu dienlich sein, diese Pflanze mit dem Neuaustrieb gesunden zu lassen. Rückschnitt kann dann bis ins alte Holz (z. B. bei Beaucarnea oder Ficus elastica) erfolgen, mitunter werden auch ganze Triebe bis bodennah (das heißt bis auf 15-25 cm Stammrest) zurückgeschnitten.
Beispiele dazu sind wiederum F. elastica, auch bei Dieffenbachia, Dracaena, Monstera, aber auch Yucca etc.. Sehr starker Rückschnitt muss aber Pflegekorrekturen (z. B. reduzieren des Gießwassers, moderatere Düngung, heller stellen) nach sich ziehen, um der neuen, verringerten Pflanzengröße gerecht zu werden. Ästhetischer wie auch neutriebfördernder ist es in der Regel, mehrtriebige Pflanzen wie Dracaenen oder Dieffenbachien nicht mit einemmal abzusensen, sondern nach und nach immer mal wieder einen Trieb zurückzunehmen.
So bleibt die Pflanze insgesamt ansehnlich, verjüngt sich und es ist weniger tragisch, wenn mal ein zurückgeschnittener Trieb nicht wieder austreibt – auch das kann vorkommen.

Pflanzen beschneiden – muss das eigentlich sein?
In der Natur schneidet keiner irgendwelche Pflanzen. Pflanzen zu beschneiden hat also immer eine menschliche Zielführung – sei die nun optischer Natur, sei es, um in ihr die Kraft des verjüngenden Neuaustriebs zu wecken oder sei es eine pragmatische Lösung, um Schädlingsnestern Herr zu werden.

„Kleiderhaken“ unbedingt vermeiden
Gerade an Bäumen werden beim Beschneiden von Stämmen und Ästen fahrlässigerweise oft mehr oder minder lange Zweigstummel belassen. Das sieht nicht nur unschön aus. An solchen „Kleiderhaken“ kann man sich beim späteren Hantieren an der Pflanze leicht verletzen, oder aber im Vorübergehen mit Kleidung hängen bleiben und sich dort Winkel reißen.

Flecken verhindern
Ficus-Arten bluten beim Schnitt mit weißem, klebrigem Milchsaft. Der kann auf Möbel, Böden oder (Teppich)Böden tropfen und dort unschöne Flecken verursachen. Dagegen hilft ein „Pflaster“:
Drücken Sie auf jede Schnittstelle sofort nach dem Schnitt einen Fetzen Tissue, der die Wunde zu verschließen hilft.
Nach etwa einem Halben bis ganzen Tag können Sie den Wundverschluss wieder abnehmen. Vorsicht: Auch die abgeschnittenen Äste und Zweige bluten. Deswegen das Schnittgut immer von einer mithelfenden Person sofort in einen Abfallsack geben lassen!

Vorsicht, Allergiker!
Einige Menschen reagieren allergisch oder auch nur empfindlich auf den Kontakt mit Pflanzensäften. So zum Beispiel bei Berührung mit dem Saft von Dieffenbachie (Stichwort: ätzend) oder Ficus (Stichwort: Kreuz-Latexallergie).
Dieser Personenkreis sollte entsprechenden Pflanzenschnitt von anderen Personen durchführen lassen oder sich währenddessen ausreichend schützen.

Wann schneiden?
Best geeignet, sofern nicht andere zwingende Gründe dagegen sprechen, ist der Schnittzeitpunkt um Anfang März, wenn das zunehmende Sonnenlicht des Spätwinters den Neuaustrieb fördert.

(25.10.2008)
Update: 24.11.2010 00:00:00