Wenn fast alles falsch gemacht wird - Deutsche Gesellschaft für Hydrokultur e.V.
Gloriosa superba L.

Wenn fast alles falsch gemacht wird

© Dr. Heinz-Dieter Molitor Der aktuelle Fall

Ein plötzlich aufgetretener starker Blattfall bei Ficus benjamina war der Anlass für Untersuchungen, die sich dann zu einem hoch interessanten Fall mit vielen Merkwürdigkeiten entwickelten. Die betroffene Pflegefirma hatte das Objekt erst kürzlich übernommen. Es handelt sich um etwa 1600 bepflanzte Gefäße, die bei der Übergabe in einem so schlechten Zustand waren, dass etwa 400 sofort entfernt werden mussten. Das Alter der Bepflanzung betrug etwa 15 Jahre, die genaue Vorgeschichte war allerdings nicht bekannt. Nach dem ersten Auffüllen der Gefäße mit Nährlösung trat der beschriebene plötzlich Blattfall bei etwa 10 % aller Ficus benjamina auf. Zu dieser Zeit herrschten infolge der diesjährigen sommerlichen Hitzewelle im Objekt vergleichsweise hohe Temperaturen. Nach Auskunft der Hausverwaltung erfolgt im Mittel eine Klimatisierung auf
24 °C an Wochenenden und nachts etwas darunter.

Da der aufgetretene Schaden der Pflegefirma angelastet werden sollte, wurden von dieser nach Absprache Proben des eingesetzten Gießwassers entnommen und
zwei Gefäße (Nr. 3 und 68) für eine nähere Untersuchung bereitgestellt. Diese Untersuchung wurde im Fachgebiet Zierpflanzenbau der Forschungsanstalt Geisenheim am 4. August 2006 durchgeführt. Außerdem lag der Befund einer Trinkwasseranalyse der Stadtwerke vom 16.08. und 2.09.2005 (Institut Fresenius) vor. Hausseits wurde das Leitungswasser zusätzlich durch eine "Guldager-Anlage" aufbereitet, um dem Leitungswasser den vermeintlich hohen Kalkgehalt zu entziehen.

Ergebnis der Untersuchung
Bei beiden Gefäßen handelte es sich um Rundgefäße aus Kunststoff älterer Bauart mit einem Pflanzvolumen von etwa 30 Liter; die nutzbare Tiefe betrug in der Mitte 23,5 und am Rand 21,5 cm. Beide Gefäße waren mit einem Wasserstandsanzeiger "WA 21" ausgerüstet, der bei Anzeige 1 einen Anstau von 4 cm und bei Anzeige 2 von 6,5 cm anzeigt. Die Wasserstandsanzeiger waren voll funktionsfähig, allerdings waren beim Gefäß 68 Wurzeln in den unteren Bereich eingewachsen.

Beide Gefäße waren mit jeweils einem Ficus benjamina (150 bzw. 170 cm Höhe) im 18/19er Kulturtopf, sowie ursprünglich mit drei weiteren Pflanzen im 15/19er Kulturtopf bestückt. Davon waren lediglich bei Gefäß 68 noch kümmerliche Reste einer Dracaena-Art vorhanden. Die Kulturtöpfe der Ficuspflanzen waren seitlich in 1,2 bis 6,2 cm Höhe mit 4 mm breiten Schlitzen versehen. Zusätzlich waren die Kulturtöpfe mit Ficus in eine Pflanzmanschette aus Kunststoff eingestellt worden..

Beide Ficuspflanzen waren sehr locker aufgebaut mit mehreren dünnen wenig stabilen Haupttrieben. Ältere Blätter fehlten. Teilweise fehlen auch jüngste noch nicht voll ausgebildete Blätter, ein deutlicher Hinweis auf Ca-Mangel. Die Blattfärbung war hell, was auf eine deutliche Unterversorgung hinweist. In den übrigen leeren Kulturtöpfen fanden sich keine Wurzel- oder Pflanzenreste, was darauf hindeutet, dass diese Pflanzen bereits vor längerer Zeit ausgefallen waren. Es fanden sich große Mengen an Resten eines Ionenaustauscherdüngers. Diese hatten im unteren Bereich die Grobporen bis zu einer Höhe von etwa 2 cm verfüllt. Große Mengen fanden sich auch darüber im Kulturtopf der Pflanzen. Insgesamt ließen sich in den Gefäßen 950 bzw. 1200 ml Düngerreste nachweisen. Insgesamt waren die Gefäße mit etwa 22 Liter Blähton der Körnung 8/16 gefüllt. Der Kulturtopf des Ficus von Gefäß 3 war nur schwach durchwurzelt und die Wurzeln im unteren Bereich abgestorben. Die Pflanze hatte sich ausschließlich über neue, über den Rand des Kulturtopfes in das Substrat hinein gebildete Wurzeln versorgt. Im Gefäß 68 war der Kulturtopf sehr stark durchwurzelt und die Wurzeln im unteren Bereich abgestorben. Nur aus einem Seitenschlitz war eine Wurzel herausgewachsen. Auffällig war, dass diese Wurzel nach oben über die Pflanzmanschette hinweg in das Substrat hineingewachsen war. Weitere Wurzeln wurden von der Pflanzenbasis oberhalb des Kulturtopfes aus gebildet.

Wasseranalyse
Die Gießwasseranalyse bestätigt im Wesentlichen die von den Stadtwerken veröffentlichten Werte. Es handelt sich um ein salzarmes Wasser, das einer besonderen Behandlung bei der Gestaltung der Düngung bedarf.

Nährlösungsanalyse
Die Analyse der Nährlösung aus beiden Gefäßen ergab bei Gefäß Nr. 3 ausreichende Nährstoffgehalte, wobei die Konzentration an Calcium zu niedrig war. Der Natrium- und der Chloridgehalt waren mit 102 bzw. 127 mg/l vergleichsweise hoch. Auffällig war der hohe CSB-Wert (Chemischer Sauerstoffbedarf), der auf eine Verschmutzung des Gefäßes durch Getränkereste oder ähnlichem hinweist. Bei der Nährlösung von Gefäß 68 wurde eine deutliche Unterversorgung bei nahezu allen Makronährstoffen deutlich. Hier hatte das erstmalige Auffüllen des Gefäßes mit Nährlösung (Flüssigdünger) noch zu keinen ausreichenden Nährstoffkonzentrationen geführt. Möglicherweise waren beim Auffüllen noch nennenswerte Wassermengen enthalten gewesen. Auch in diesem Gefäß waren hohe Konzentrationen an Natrium und Chlorid nachweisbar.

Schlussfolgerung
Aufgrund der vorliegenden Informationen und Ergebnisse wurde der aktuelle plötzliche Blattfall bei Ficus benjamina vermutlich durch Sauerstoffmangel infolge des Anstaus der Gefäße in Verbindung mit hoher Nährlösungstemperatur verursacht. Die Pflanzen waren zudem massiv vorgeschädigt. Beim Gefäß Nr. 3 kam eine Verschmutzung der Nährlösung mit vermutlich Getränkeresten hinzu.

Unabhängig von dem aktuellen Ereignis wurden gravierende Fehler bereits bei der Bepflanzung der Gefäße als auch im späteren Verlauf der Pflege gemacht, was mittel- und langfristig zwangsläufig ein Scheitern der Begrünung zur Folge haben musste.

1. Die Gefäße waren mit Pflanzen überfrachtet. Nur bei ausreichend kurzen Pflegeintervallen von längstens 14 Tagen wären eine ausreichende Versorgung der Pflanzen und damit ein dauerhaftes Überleben möglich gewesen. Bei längeren Pflegeintervallen wird in der Praxis versucht, durch einen deutlich höheren Anstau die Pflanzen über einen längeren Zeitraum zu versorgen. Dadurch steigt das Risiko von Sauerstoffmangel erheblich. Der Sauerstoffmangel wird verstärkt, wenn gleichzeitig hohe Temperaturen herrschen, oder die Gefäße mit Getränkeresten verschmutzt werden. In diesem Fall sinkt die Löslichkeit von Sauerstoff drastisch.
2. Die Kulturtöpfe mit Ficus waren in eine zusätzliche Pflanzmanschette eingesetzt worden. Dies ist nur bei einer Wechselbepflanzung sinnvoll. Für die im vorliegenden Fall vorgesehene Dauerbepflanzung wurde das notwendige Einwurzeln der Pflanzen in das umgebende Substrat dadurch massiv behindert. Ohnehin war das Herauswurzeln aus den Kulturtöpfen in Verbindung mit hohem Anstau für die Pflanzen kaum möglich.

3. Ionenaustauscherdünger hätte bei der vorliegenden Wasserqualität nicht angewendet werden dürfen. Eine generelle Unterversorgung der Pflanzen mit Nährstoffen und absoluter Mangel an Calcium, Magnesium und Sulfat waren die Folge. Außerdem wurde der Dünger nicht in die Anstauzone appliziert, sondern auf die Substratoberfläche aufgestreut und eingespült. Auf diese Weise reicherten sich beträchtliche Düngermengen im Gefäß an und verstopften bis zu einer Höhe von 2 cm die Grobporen im unteren Bereich der Gefäße.

4. Nicht endgültig geklärt werden konnte die Frage, welche Art der Wasseraufbereitung durchgeführt wurde. Die hohen Gehalte an Natrium- und Chlorid im Gießwasser lassen aber den Schluss zu, das es sich vermutlich um eine Enthärtungsanlage handelt. Es verwundert, dass bei der vorliegenden Leitungswasserqualität eine solche Maßnahme für notwendig erachtet wurde. Zumindest ist derart aufbereitetes Wasser als Gießwasser für Pflanzen kaum geeignet.

5. Der Einsatz von Flüssigdünger durch den neuen Pflegebetrieb wurde inzwischen aufgrund der vorliegenden Ergebnisse der Wasseranalyse eingestellt. Bei salzarmem Gießwasser ist der Einsatz von Kalksalpeter zwingend erforderlich. Nur so wird die notwendige Calciumversorgung sichergestellt und ein Absinken des pH-Wertes in verhindert. Über die zusätzlich erforderliche zweite Komponente "Fertig-Basisdünger 1" wird die Zufuhr der restlichen Nährstoffe, einschließlich Magnesium und Schwefel sichergestellt. Dieses so genannte Zweikomponenten-Düngesystem wurde in "Hydrokultur intern" bereits mehrfach ausführlich vorgestellt.

Fälle wie der geschilderte sind äußerst lehrreich, zeigen sie doch, was im Einzelfall in der Praxis alles falsch gemacht werden kann. Möglicherweise handelt es sich um eines der Objekte, bei denen schon mehrere Firmen gescheitert sind, weil sie alle die gleichen Fehler gemacht haben:

- Fehlende Information über die Gießwasserqualität und ein zu langes Pflegeintervall akzeptiert
  • Dadurch den falschen Dünger gewählt und die Gefäße zu hoch angestaut
  • Mit der Folge von Unterernährung und Ausfall der Pflanzen durch Vernässung und Sauerstoffmangel.

Wenn Sie alle Bilder dieses aktuellen Falles sehen wollen, dann klicken Sie bitte: Wenn fast alles falsch gemacht wird.

Dr. Heinz-Dieter Molitor
Forschungsanstalt Geisenheim

(27.12.2006)

Update: 2014-06-01 12:24:51