Anfrage an die DGHK - Deutsche Gesellschaft für Hydrokultur e.V.

Anfrage an die DGHK

© Dr. Heinz-Dieter Molitor Problem bei Kentia-Palme

Etwa einmal im Quartal erreichen uns Anfragen über unsere Internetseite von Nichtmitgliedern, die sich Hilfe von uns bei einem aufgetretenen Problem mit ihren Pflanzen in "Hydrokultur" erhoffen. Diese Anfragen sind insofern interessant, als sie nicht nur Hinweise auf typische Probleme im Hobbybereich liefern, sondern teilweise auch Einblick in das Verhältnis der Betreffenden zu ihren Pflanzen geben. Besitzer von Pflanzen erkennen in ihren Pflanzen nicht nur ein Gestaltungselement bei der Wohnungsausstattung, sondern Lebewesen, die ihnen ans Herz gewachsen sind und zu denen sie eine emotionale Bindung haben können. Sie leiden, wenn es der Pflanze nicht gut geht und scheuen keine Mühe diesen Missstand zu beheben. Ein schönes Beispiel dafür ist der folgende Problemfall eines Hydrokulturfreundes. 

Auf seiner Suche im Internet war der Besitzer einer Palme auf die DGHK Seite aufmerksam geworden:

„…  und habe gehofft, dass Sie mir bei der Diagnose eines Problems bei meiner Pflanze helfen könnten, oder mir sagen könnten, wo ich kompetenten Rat bekomme. Darf ich Ihnen das Problem schildern und Bilder schicken?“

Selbstverständlich durfte er und so trafen alsbald sehr gute Bilder, eine detaillierte Beschreibung des Schadbildes und die angeforderten Einzelheiten zur Düngung der Pflanze und zur Gießwasserqualität ein. Der Besitzer einer Palme in Hydrokultur hatte sich sehr umfassend informiert und aufgrund dieser Informationen und eigener Beobachtung auch bereits eine durchaus nachvollziehbare Hypothese zur möglichen Schadensursache entwickelt.

Hier zunächst in leicht gekürzter Form die Aussagen dazu:
Meine große Liebe - eine Kentia-Palme - in Hydrokultur aufgezogen, hat einige unterschiedliche Erscheinungen, die mir etwas Sorge bereiten.

Infos zur Pflanze und Symptome:
Ca. 3-4 Jahre alt. Wächst gut und viel. Scheint das Klima in meiner Dachgeschosswohnung sehr zu mögen. Zuletzt umgetopft vor ca. gut einem Jahr. - ABER: Einerseits gibt es neuerdings austrocknende Wedel (nicht nur die Spitzen) oder trockene Stellen in der Mitte eines Wedels, und zum anderen habe ich auch gelbe Punkte auf einigen Wedeln entdeckt. (Mehr als eine Ursache?). Die Symptome betreffen nur untere, ältere Wedel; neuere Wedel haben nur trockene Spitzen . Schädlinge wie Spinnmilben oder andere (sichtbare) Schädlinge kann ich ausschließen, da ich gute Augen habe und nichts dergleichen je gesehen habe auf der Pflanze.

Wasserqualität und Dünger:
Sie erhält von mir ca. 2x die Woche neues (Leitungs-)Wasser, dass ich mit ca. einer halben Kappe Flüssigdünger (=2,5ml) anmische. Ich fülle immer auf Optimum, nicht höher. Sie ist i.d.R. ziemlich durstig, früher hat es gereicht einmal die Woche nachzufüllen. Beim Dünger handelt es sich um den Hydrokulturdünger von Green24 

Laut Deklaration enthält der Flüssigdünger 6,4% Gesamtstickstoff, 4,5% wasserlösliches Phosphat, 6,7% wasserlösliches Kaliumoxid, je 0,003% Kupfer und Zink, sowie noch ein paar weitere Spurennährstoffe.

Laut der Webseite der DGHK empfiehlt sich wohl für Palmen eher das Verhältnis 6+6+4, allerdings hatte ich eben das Problem, dass die Palme in "Hydrokultur" wohnt, und ich mich so entscheiden musste, ob ich eben speziell auf "Hydrokultur" abgestimmten oder speziell auf Palmen (aber nicht auf Hydrokultur) abgestimmten Dünger verwende. Ich habe mich auf Rat eines Verkäufers dann für "Hydrokulturdünger" entschieden.

Bisher hatte ich die Jahre keine Winterpause beim Düngen eingelegt (aus Unwissen, wie ich dann genau dünge). Ca. 1x die Woche wird sie mit abgestandenem Leitungswasser besprüht. Die rel. LF ist in meinem Zimmer meist bei ca. 50 %. Das Leitungswasser bei mir zuhause ist recht hart. Genaue Zusammensetzung laut Berliner Wasserbetriebe:https://www.bwb.de/de/3255.php?PLZ=10247&send=Suche+starten

Meine Hypothese:
- Die trockenen Wedel könnten von zu schnellem Nachfüllen kommen. Vielleicht muss ich den Wasserstandsanzeiger auf 0, bzw. abgesackt unter Minimum lassen (für 1-2 Tage), statt direkt wieder auf Optimum zu füllen, d.h. eher einmal die Woche gießen, statt 2x.

  •  Ich muss künftig eine Winterpause einlegen
  •  Ich muss sie bald wieder umtopfen, weil unten schon eine Wurzel aus dem Innentopf herausragt (habe ich beim Abduschen der Pflanze gesehen), allerdings finde ich im Netz keine ausreichend tiefen Gefäße (die auch einen passenden Innentopf und WS-Anzeiger System haben)
  • Die gelben Punkte könnten ein Mangel (oder Überfülle) an einem Nährstoff sein. Der "Hydrokulturdünger" stimmt ja nicht unbedingt mit den Bedürfnissen einer Palme überein. Ich weiß allerdings nicht, wie ich das Problem lösen sollte, weil Palmendünger m.W. nicht für Hydrokultur geeignet ist.

Vielen Dank für die Zeit, die Sie sich nehmen. Ich freue mich über jeden Ratschlag, denn die Pflanze ist mir sehr wichtig und ich habe keine Ahnung ob meine Thesen stimmen.

Mit freundlichen Grüßen J. Ang.

An dieser Stelle ist anzumerken, dass eine derart detaillierte und fachlich fundierte Beschreibung eines Problemfalles sehr selten und in dieser Form selbst für professionelle Raumbegrüner eher die Ausnahme ist. Eine Diagnose des Problems sollte aufgrund der vorliegenden Daten also möglich sein. Dazu waren aber zunächst einige Berechnungen zum tatsächlichen Nährstoffangebot erforderlich.

Die optimale Wahl des Düngemittels wird bekanntlich wesentlich durch die Zusammensetzung des Gießwassers bestimmt. Aus der Fülle an Daten, der von den Berliner Wasserbetrieben im Internet bereitgestellten Analysenwerte, sind für uns nur wenige Parameter relevant. Sie sind in der Tabelle 1 aufgeführt.



Tab. 1: Parameter


Tab. 1: Parameter der Gießwasserqualität für das Postleitzahlengebiet 10247 der Berliner Wasserbetriebe, Mittelwerte im Jahr 2018

Demnach enthält das Leitungswasser reichlich gelöste Mineralstoffe, was durch die relativ hohe elektrische Leitfähigkeit zum Ausdruck kommt. Die Säurekapazität, also der Gehalt an alkalisch wirkenden HCO3-Ionen ist nennenswert und erfordert zum Ausgleich entsprechende Mengen an Ammonium-N. Der Calciumgehalt (119 mg/l) dürfte für eine ausreichende Versorgung der Pflanzen ausreichen. Das gleiche gilt für den Gehalt an Magnesium und Sulfat. Das Leitungswasser ist demnach für den Einsatz von Flüssigdünger geeignet, die bekanntlich keine nennenswerten Mengen an Calcium und Magnesium enthalten können. Weniger erfreulich sind die Gehalte des Leitungswassers an Natrium und Chlorid. Sie sind aber in der vorliegenden Größenordnung noch akzeptabel. In der Regel findet eine Entsalzung der Feuchtzone durch Verlagerung überschüssiger Salze durch die kapillare Wasserbewegung nach oben in die Übergangszone zwischen feucht und trocken statt. Dieser Bereich ist in der Regel nicht durchwurzelt. Um diese entsalzende Wirkung zu fördern, empfiehlt es sich, Nährlösung möglichst immer an der gleichen Stelle nachzufüllen.

Zweiter Faktor ist die Wahl des Düngemittels. Grundsätzlich ist bei der vorliegenden Gießwasserqualität der Einsatz eines Flüssigdüngers möglich. Verwendet wurde das "Hydrokultur Flüssigdüngerkonzentrat" der Firma Green24. Bei Betrachtung des Leitelementes Stickstoff und unter der Voraussetzung, dass die Angaben bei der Deklaration stimmen, errechnet sich folgendes N-Angebot: Das Düngemittel enthält 6,4 Gew.-% Gesamt-N, wobei dieser Stickstoff fast vollständig aus Harnstoff besteht. Woraus die restlichen 0,4 Gew.-% bestehen, darüber schweigt sich der Hersteller aus. Laut Empfehlung wird das Düngemittel mit 5 ml pro 1,5 Liter Wasser dosiert. Unter Berücksichtigung des spezifischen Gewichtes von 1,16 g/ml ergibt sich eine N-Konzentration von 248 mg N/l in der Anwendungslösung. Diese Menge bei jedem Gießvorgang verabreicht, ist entschieden zu viel. Zum Glück wurde nur die halbe Düngermenge verabreicht. Unterstellt, es waren 1,5 Liter Wasser, ergibt sich noch eine N-Konzentration von immerhin 124 mg N/l. Etwa die Hälfte davon wäre bei einer sogenannten Bewässerungsdüngung, also dem Nachfüllen des Gefäßes stets mit Nährlösung, ausreichend gewesen. In der lichtarmen Jahreszeit, wenn die Pflanze keinen Zuwachs zeigt, reicht eine monatliche Düngung aus.

Da der Stickstoff überwiegend aus Carbamid-N (Harnstoff) besteht wäre es interessant zu wissen, in welcher Form das Kalium zugesetzt wurde, doch nicht etwa als Kaliumchlorid? Es gibt tatsächlich Flüssigdünger am Markt, die aus diesem Grund hohe Chloridgehalte aufweisen. Im vorliegenden Fall wäre das fatal, weil das Gießwasser bereits hohe Chloridgehalte aufweist. Auskunft darüber kann nur eine genaue Analyse des Düngers liefern.

Schlussfolgerung und Empfehlung
Aufgrund der vorliegenden Informationen sind die aufgetretenen Probleme an der Kentia mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine Überdüngung zurückzuführen. Dies möglicherweise auch in Kombination mit einer zu feuchten Kultur. Grundsätzlich ist es bei dem Hydrokultursystem wichtig zwei oder sogar mehrere Tage mit dem Auffüllen zu warten, wenn der Wasserstandsanzeiger auf Minimum abgesunken ist.

Das Düngemittel laut Angaben im Internet ist mit etwa 7,95 €/250 ml also 31,80 €/l relativ teuer, was sich aufgrund dessen Zusammensetzung nicht rechtfertigen lässt.  Immerhin liegt das Eisen nur als EDTA-Chelat vor.

Die Empfehlung dieses Düngemittel nur in Verbindung mit kalkfreiem Leitungswasser oder Regenwasser einzusetzen ist fatal. Gerade für diese Wasserqualität sind Flüssigdünger nicht geeignet, weil sie kein Magnesium und Calcium enthalten. Außerdem würde der enthaltene Harnstoff zu einer starken Versauerung der Nährlösung beitragen. Glück für den Anwender, dass das Berliner Leitungswasser nennenswerte Mengen an HCO3-Ionen enthält, die diesen Effekt abmildern.


Der Hydrokulturdünger ist in der Nährstoffrelation identisch mit dem erwähnten, von der gleichen Firma angebotenen, Palmendünger, nur etwas stärker verdünnt.

Der Kentia-Palme sollte auch eine größerer Topf gegönnt werden und zwar mit einem größeren Durchmesser. Ein tieferer Topf als 19 cm ist nicht erforderlich. 

Es gab dann noch einige Nachfragen unseres "Hydrokultur"-Freundes bezüglich der Behandlung der geschädigten Wedel (> entfernen), der Tiefe des neuen Gefäßes (> 19 sind ausreichend), dem optimalen N-Angebot (> 2,5-5 mmol/l bzw. 40-75 mg /l) und nach einem empfehlenswerten Düngemittel. Bei eigenen Düngemitteltests an der Hochschule Geisenheim haben beispielsweise Produkte wie Wuxal, Chrysal, Seramis oder Substral stets gute Ergebnisse geliefert.

Die bald danach eintreffende Rückmeldung von Herrn A. ergab, dass er sich für den Chrysal Zimmerpflanzendünger entschieden hatte, der folgende Deklaration aufweist:

EG-DÜNGEMITTEL NPK-Düngerlösung 7+3+7 mit Spurennährstoffen: 7,0 % N Gesamtstickstoff; 2,9 % N Nitratstickstoff; 1,8 % N Ammoniumstickstoff; 2,3 % N Carbamidstickstoff; 3,0 % P2O5 wasserlösliches Phosphorpentoxid; 7,0 % K2O wasserlösliches Kaliumoxid. Spurennährstoffe: 0,02 % B wasserlösliches Bor; 0,004 % Cu wasserlösliches Kupfer*; 0,04 % Fe wasserlösliches Eisen**; 0,02 % Mn wasserlösliches Mangan*; 0,002 % Mo wasserlösliches Molybdän; 0,004 % Zn wasserlösliches Zink* (*als Chelat von EDTA, **als Chelat von DTPA).

 Ich hoffe der ist in Ordnung. Ich gebe jetzt 1,25ml mittels einer Spritze auf 1,5l Leitungswasser. Habe analog zu Ihrem Beispiel ausgerechnet, dass ich auf diese Weise (beim spez. Gewicht von 1,168g/ml) insg. 68mg N/L -haltige Nährlösung herstelle, was ja noch in dem Normbereich von 40-75 mg/l liegt. Herzlichen Dank Ihre Hilfestellung!

Die Berechnung der N-Konzentration war korrekt und der gewählte Dünger hochwertig. Das Eisen ist als DTPA-Chelat enthalten und somit auch in kritischen pH-Bereichen über pH 7 stabil und sehr gut pflanzenverfügbar. Nach Klärung der Ernährungsfrage folgte die noch offene Frage eines größeren Topfes für die Pflanze. Hier zeigte sich, dass unsere Angaben im Internet für einen Nicht-Profi an einigen Stellen nicht ausreichend verständlich sind.

Auf der DGHK-Webseite habe ich Ihren Beitrag zum Thema Kulturtöpfe mit großem Interesse gelesen, der sehr aufschlussreich war. (Was bedeutet eigentlich "Anstau"?) Jedenfalls überlege ich nun, da die Pflanze ja noch wachsen wird - und somit ein Bodengefäß auf Dauer mehr Sinn macht - ob ich, wie Sie für den Hobbybereich in Ihrem Beitrag ja empfehlen, einen Topf ohne Innentopf nehme. Mir ist allerdings nicht klar, wie ich dann einen Wasserstandsanzeiger dort anbringe. Kann man den einfach an beliebiger Stelle am Rand hinstellen, die Pflanze in die Mitte setzen und dann einfach mit dem Blähton auffüllen? Also im Prinzip genauso wie ich es jetzt habe, nur ohne den Innentopf?

Die Wahl eines geeigneten Topfes richtet sich dann natürlich nach dem größten Wasserstandsanzeiger, den es gibt, also 32/19, nicht wahr? Welche Maße muss dann der Topf haben, damit der Wasserstandsanzeiger korrekt anzeigt? Wähle ich den zu hoch oder zu breit, bekomme ich ja mit der Akkuratheit des Anzeigers Probleme...
Also ganz konkret, was halten Sie von diesem Set - in der Größe 28/19 (dann kann ich in ein paar Jahren noch auf 32/19 vergrößern)?

Die Gefäßfrage war leicht zu klären. Empfehlenswert war das Umtopfen zunächst in ein 28/19er Gefäß und zwar mit entsprechendem Kulturtopf. Dies ermöglicht es die Pflanze bei Bedarf aus dem Gefäß herauszunehmen, um sich beispielsweise von der Gesundheit der Wurzeln zu überzeigen oder das Substrat durchzuspülen.

Die Empfehlung den Kulturtopf beim Einpflanzen zu entfernen oder zumindest nach oben und seitlich größere Öffnungen zu schaffen, damit die Wurzel besser herauswurzeln können, gilt nur für den Fall, dass das Gefäß einen größeren Durchmesser, als der Kulturtopf hat. Dies ist etwa bei Gefäßen der Fall in die mehrere Pflanzen eingepflanzt werden oder bei Beeten. In diesen Fällen werden die Pflanzen mit den Kulturtöpfen eingestellt und dann das Ganze mit Blähton aufgefüllt.

Sehr geehrter Herr Molitor,
die Bilder nach dem Umtopfen in den "Endtopf" hängen an !
Ich finde, sie sieht glücklich aus. Herzlichen Dank! Beste Grüße, J. An.

(16.08.2020)

 
Update: 2020-08-19 10:28:29