"Happy Grün" Inc. — Teil 2 - Deutsche Gesellschaft für Hydrokultur e.V.

"Happy Grün" Inc. — Teil 2

© Oliver Bleicher Hydrokultur in Vancouver

Gleichzeitig lockt die Region mit einem enormen Reichtum, insbesondere aus Asien. Ein Lamborghini, ein Tesla oder Bentley gehören genauso zum Stadtbild, wie in Deutschland ein VW oder Ford. Auch die Immobilienpreise sind enorm und gehören zu den höchsten der Welt. Wir zogen daraus den Schluss, dass es in dieser Stadt eindeutig einen Premiummarkt für innovative, durchgestylte Produkte gibt. Und so war unsere Vision eher von einer Firma wie Apple getrieben, als vom lokalen Blumenladen um die Ecke. Wir wollten eine Verbindung von cooler High-Tech, von Lifestyle mit einer grünen, gesunden Pflanzenwelt!

Nach langem Hin und Her ging es los. Wir nannten unser Startup, unsere Firma: "HappyGrün". Eine Verbindung aus den Wünschen und Sehnsüchten unsere Kunden nach Glück und Zufriedenheit. Gleichzeitig wollten wir eine Verbindung zu unseren deutschen Wurzeln aufzeigen. Da die Landpreise im Stadtkern unbezahlbar sind, mieteten wir etwas außerhalb der Stadt ein Gelände, um darauf in Eigenregie ein kleines Gewächshaus mit einer Umkultivierungskapazität von ca. 500 Pflanzen pro Monat aufzubauen. Über viele Wochen machten wir Versuche mit UV-Filtern und Wasserumwälzpumpen. Wir beobachteten die Strömungen im Wasserbecken, experimentierten mit Flutungssystemen, optimierten den Prozess zur gründlichen Erdentfernung und vieles mehr. Die ersten Container mit Kultur-Töpfen und weiterer Ware aus Deutschland waren unterwegs. Gleichzeitig beschäftigten wir uns aber auch mit dem Endprodukt, erstellten Umfragen und diskutierten mit möglichen Kunden. Schnell war uns klar, dass der in Deutschland bekannte Kultur- und Übertopf von den Kunden nicht als hochwertig genug eingestuft wurde. Im Gegenteil, ein potenzieller asiatischer Kunde meinte, dass dieser Topf mit den enormen Spaltmassen zwischen Keramiktopf und Kultur-Topf doch eher in einen "Dollar Store" gehöre und nicht zu einem Premiumprodukt. Wir versuchten, mit dem Hersteller der Ware in Deutschland zu sprechen, um die Produkte zu verbessern, stießen aber auf wenig Interesse.

Völlig anders war die Wahrnehmung unserer Testkunden was die Produkte eines großen deutschen Spielwarenherstellers angeht. Diese wurden durchweg als hochwertig, modern und stylish eingestuft, obwohl sie aus Kunststoff sind. Und so begannen wir, auch mit diesen Pflanzengefäßen Versuche durchzuführen. Wir brachten zusätzliche Bohrungen und Schlitze ein, um ähnliche Eigenschaften zu erzielen, die auch ein traditioneller Kultur-Topf bietet. Gleichzeitig arbeiteten wir mit unterschiedlichen Blähtonkorngrößen in unterschiedlichen Schichten, um insbesondere bei den kleineren Töpfen mit Dochtverfahren den Kapillareffekt zu erhöhen. Bei allen Versuchen wuchsen die Wurzeln durch die eingebrachten Bohrungen und Schlitze in das Nährstoffbad des Außentopfes.

Ein weiterer, wichtiger Ansatz war für uns, dass der Kunde die Pflanze, Topfgröße, Topfform und die Topffarbe individuell auswählen und konfigurieren kann. Das sollte mit einem digitalen Konfigurator auf unserer Webseite oder im Geschäft mit einem Tablet geschehen. Der Kunde kann somit seine Wunschpflanze zusammenstellen, die wir ihm dann in ganz Kanada oder in den USA per Post zusenden. Im näheren Umfeld der Metropole Vancouver liefern wir die Ware selbst an den Kunden aus. Schnell wurde uns bewusst, dass ein traditionelles Umtopfen in den vom Kunden gewünschten Kulturtopf nicht funktionieren wird. Die Pflanze hat viel zu wenig Halt und würde den Transport nicht gut überstehen. Aus dieser Not heraus konstruierten wir eine einfache Vorrichtung, die es uns ermöglichte, dass jede Pflanze in einen netzartigen Ballen aus Blähton hineinwächst. Der Vorteil dieser Methode ist, dass wir die Pflanze schnell umtopfen können, ohne dass wir das Wurzelwerk zerstören, und ohne dass sich die Blähtonkugeln von den Wurzeln lösen. Eine weitere Herausforderung war gelöst.

Uns ließ der Gedanke nicht mehr los, die Hydrokultur weiterzuentwickeln. Ja, es ist schön, dass man weniger oft gießen muss. Es ist auch schön, dass man genau weiß, wann man gießen muss. Aber wirklich interessant würde es erst werden, wenn wir es wirklich schaffen, den alten Spruch: "Du musst nur gießen und genießen", wahr zu machen. Schnell war die Idee geboren, den mechanischen Wassersensor durch einen digitalen Sensor zu ersetzen. Dieser Sensor sollte mit dem Smartphone verbunden sein. Er sollte neben dem Wasserstand auch die Wasser- und Umgebungstemperatur, die Konzentration der Nährlösung und die Lichtverhältnisse erfassen. Unser Ziel und unsere Vision war es, das Pflanzensystem so weiterzuentwickeln, dass jegliche Fehler bei der Pflege ausgeschlossen werden. Unsere Vision war es, der Pflanze eine Stimme zu geben. Sie sollte dem Besitzer mitteilen können, ob sie einen helleren Standort benötigt, wann er sie doch bitte noch nicht gießen soll, oder wie lange der Wasservorrat - basierend auf der derzeitigen Umgebungstemperatur und den statistischen Daten - noch ausreichen wird. Die Möglichkeiten im digitalen Austausch mit der Pflanze sind nahezu unbegrenzt. Dennoch sind die Anforderungen an den Sensor vielfältig. Dieser "Smart-Sensor" muss extrem einfach in der Bedienung sein. Er muss zuverlässig sein und mit einer Aufladung mindestens ein Jahr auskommen.

Eingebettet in einem derartigen Gesamtkonzept ist es unserer Meinung nach tatsächlich möglich, die Hydrokultur in das 21. Jahrhundert zu führen und auch unerfahrenen und jungen Menschen die Pflanzenwelt näher zu bringen. Gleichzeitig bietet die Technik aber auch noch ganz andere Möglichkeiten. So können soziale Medien berücksichtigt werden. Jeder Pflanzenbesitzer kann spielerisch erfahren und vergleichen, welcher seiner Freunde sich am Besten um seine Pflanze kümmert usw. Ein erster Prototyp wurde von uns bereits entwickelt und die entsprechende Software wird gerade getestet. Im Rahmen einer Studienabschlussarbeit werden wir hier in den nächsten Monaten sicherlich weitere spannende Dinge vorstellen können.

Gleichzeitig plagen uns aber auch noch ganz einfache kleinere und größere Sorgen. So hat Vancouver zum Beispiel ein extrem weiches Wasser. Mit Hilfe von Dr. Strauch und Dr. Molitor, die uns netterweise bei unserer Arbeit unterstützen, haben wir hier bereits einen Spezial-Mix für den Dünger zusammengestellt. Die Versuche mit dieser Mischung laufen noch. Auch der Betrieb des Gewächshauses ist mitunter eine große Herausforderung. Zu hohe oder zu niedrige Temperaturen, Algenbildung, die Wasseraufbereitung, aber auch die Angst vor möglichen Schädlingen und Erregern. Es gibt viele Fragen, die uns beschäftigen. Wie oft wir zum Beispiel das Becken komplett entleeren und desinfizieren sollen? Ob chemische Zusätze gegen Algen empfehlenswert sind oder nicht? Was für Wirkstoffe wir vorrätig halten sollen im Fall eines Insektenbefalls usw.? Bei vielen Fragen wünschten wir uns oft, wir hätten einen Partnerbetrieb in Deutschland, der uns ab und an mit einem hilfreichen Rat unterstützen könnte!

Aber auch ganz banale Dinge wie der Blähton treiben uns manchmal in den Wahnsinn. Wir haben zwei Hersteller getestet, beide aus deutscher Produktion. Das eine Produkt, das auch hier in Kanada bezogen werden kann, wäre nahezu perfekt. Es ist rund, was von unseren Kunden bevorzugt wird, neigt aber zum Ausblühen, trotz vorherigem Auswaschen und einer Behandlung mit Essiglösung. Der andere Blähton, den wir von einem bekannten Anbieter von Hydrokulturprodukten beziehen, hat nahezu keine Ausblühungen. Dafür meinen unsere bisherigen Kunden, dass er aussieht wie "Bird-Shit". Auch in Bezug auf das Einfärben von Blähton suchen wir nach erfolgreichen und getesteten Methoden. Versuche mit Beton und anderen Farben waren bisher nicht erfolgreich. Derzeit überlegen wir uns eine Lösung mit eingebrannter Glasur. In Italien hatten wir bereits eine sehr schöne Lösung für eingefärbten Blähton gefunden, die aber leider sehr teuer ist.

Und obwohl die Hydrokultur in Kanada und den USA nahezu unbekannt ist, so ist eine sehr ähnliche Technik im kommerziellen Bereich durchaus bereits im Einsatz: "Hydroponics" und "Aquaponics". Beide Verfahren kommen in gigantischen Ausmaßen in British Columbia, der Provinz von Vancouver, zum Einsatz. Jegliche Art von Gemüse wird hier angebaut. Der Hauptunterschied zwischen "Hydro- und Aquaponics" ist, dass bei der "Aquaponics" Fische und deren Brauchwasser als Pflanzendünger eingesetzt werden. Ein sehr umweltfreundliches und wirklich geniales System. Aufgrund der sehr intensiven und großflächigen Verbreitung dieser Technik, sind Produkte wie Blähton und spezielle Flüssigdünger von unzähligen Herstellern durchaus verfügbar.

"Die Hydrokultur – Ein spannendes Abenteuer", auf das wir uns eingelassen haben. Wir sind noch ganz am Anfang unserer Reise und obwohl wir schon sehr viel erreicht und gelernt haben, liegt doch noch ein langer Weg vor uns. Das Team von "HappyGrün" ist inzwischen um einige Personen angewachsen. Mein Neffe, Dennis Bleicher, der gerade seinen Studienabschluss im IT-Bereich macht, kümmert sich um die Online-Vertiebskanäle und um die Digitalisierung. Mein anderer Neffe, Marcel Bleicher, steuert von Deutschland aus die Kooperationen mit den deutschen Partnern. Auch hier vor Ort in Vancouver haben wir uns weiteres Experten-Know How gesichert. Kien Gip kümmert sich um die Finanzen und Ethan Huge steuert sein Wissen rund um die Themen Marketing und Werbung bei. Wir sind guter Dinge und sind begeistert von der Komplexität des Themas. Wir träumen nachts von pH-Werten, HD50, MgCO3 und SI. Wir greifen morgens nach dem Aufstehen und abends vor dem ins Bett gehen zu unserem iPhone und überprüfen nochmals die Umweltbedingungen und den Pflanzenwuchs im Gewächshaus. Immer wieder lesen wir spannende Artikel auf der DGHK-Webseite über Dinge, an die wir zuvor noch nicht einmal dachten. Über weitere wertvolle Tipps und Ratschläge freuen wir uns immer sehr. Auch Fragen rund um "HappyGrün" und unsere Arbeit beantworten wir sehr gerne!

Die Zusammenstellung der Fotos finden Sie unter "Happy Grün" Inc. Teil 2
Herzliche Grüße aus einem sommerlichen Vancouver, Britisch Columbia, Kanada.

Oliver Bleicher

(13.09.2016)

 
Update: 2018-06-12 17:33:56