"Happy Grün" Inc. — Teil 1 - Deutsche Gesellschaft für Hydrokultur e.V.

"Happy Grün" Inc. — Teil 1


Happy Grün Inc. – Hydrokultur in Kanada
Wenn wir über Kanada reden, kommen uns sofort die grünen Wälder, die endlosen Weiten und die gewaltigen Naturlandschaften in den Sinn. Kanada steht für unberührte Wildnis, für einen artenreichen Tierbestand und für eine ausufernde Pflanzenwelt. Kanada ist ein Land, das 28 mal größer als Deutschland ist.

Aber Kanada steht nicht für Hydrokultur!
Bei aller Verbundenheit mit der Natur und bei allem "grünen Lebensgefühl" der Kanadier, wird man vermutlich im ganzen Land keine Hydrokultur-Zimmerpflanze finden – in keiner Blockhütte, in keinem privaten Penthouse und in keinem Hotelwolkenkratzer.

Und genau das möchten wir ändern!!!
Vermutlich werden viele von Ihnen beim Lesen dieses Artikels ab und zu den Kopf schütteln. Es wird beim Lesen der nächsten Zeilen schnell deutlich, dass wir, die Verfasser dieses Artikels, am Anfang unseres Abenteuers keine Ahnung hatten, worauf wir uns einlassen. Aber lassen Sie uns ganz am Anfang beginnen: Januar 2015, zwei gute Freunde, die sich seit ihrer Kindheit kennen, gemeinsam in Friedrichshafen am schönen Bodensee aufgewachsen sind und inzwischen auf zwei unterschiedlichen Erdteilen leben, kommunizierten aufgrund der großen Distanz und der Zeitverschiebung sporadisch über aufgezeichnete Sprachnachrichten mit dem Handydienst WhatsApp. Der eine, Daniel Rück wohnhaft in Friedrichshafen am Bodensee und der andere, Oliver Bleicher, wohnhaft in Vancouver, an der Pazifikküste Kanadas. Beides junggebliebene Männer Anfang 40. Daniel Rück hatte sein berufliches Leben bisher im Marketing- und Vertriebsbereich von großen Industrieunternehmen verbracht und Oliver Bleicher war lange Jahre in leitenden Funktionen bei der ZF Friedrichshafen AG und später als Produktionsleiter bei einer Firma für Zahnräder in Vancouver tätig. Im Rahmen dieser Gespräche zwischen den beiden jungen Männern kam immer wieder die Frage auf, warum sich manche Technologien und Produkte in Europa etabliert haben, aber nicht in Nordamerika und umgekehrt.

So stellten wir uns die Frage, warum sehr viele praktische Dinge aus Nordamerika, wie zum Beispiel der sogenannte "Garburators" (Küchenabfallzerkleinerer) oder eine im Kühlschrank integrierte Eismaschine, in Deutschland sehr selten oder gar nicht zum Einsatz kommen. Umgekehrt gibt es in Nordamerika nur sehr wenige Kaffeevollautomaten und auch die Pflanzen mit den "komischen roten Kugeln" hatten wir in Nordamerika noch nie entdeckt. Und schon war der Keim einer Geschäftsidee geboren.

Fortan wurde eine Vielzahl von Büchern gelesen. Erstaunlich dabei war für uns, dass die Fachliteratur allesamt aus den 80er und 90er Jahren stammte. Neue, aktuelle Publikationen mit Forschungsergebnissen oder Innovationen aus den letzten Jahren waren leider nicht zu bekommen. Auch die Marktforschung rund um das Produkt selbst wollten wir natürlich intensiv betreiben. Es wurde eine Vielzahl von Pflanzenfachgeschäften in der größeren Umgebung von Vancouver besucht und es wurde in Internetforen in ganz Nordamerika nach Hydrokultur gesucht. Mit einer einzigen Ausnahme verlief die Marktforschung jedoch ergebnislos. So lernten wir im Schnelldurchlauf die Geschichte der Hydrokultur kennen, ihren Höhenflug in Europa und ihren langsamen und auch traurigen Abstieg.

 Als Maschinenbauer begeisterte mich vor allem der technische Aspekt und der clevere Ansatz dieser Pflanzenkultivierung. Es folgten viele Gespräche mit Freunden und Bekannten hier in Vancouver und die Idee einer Pflanze, die deutlich einfacher in der Pflege (Schlagwort "carefree") ist, war geboren. Eine Pflanze, die auch einen Urlaub überlebt, die deutlich sauberer in ihrer Handhabung ist und die komplett ohne Erde auskommt – die Leute staunten. Außerdem nimmt der zum Einsatz kommende Ionen-Dünger die schädlichen Stoffe auf und gleichzeitig ist ein Überdüngen nahezu unmöglich. Das dachten wir zumindest am Anfang. Die Vorteile für dieses Pflanzensystem lagen auf der Hand.

Wir stellten bei unseren Recherchen fest, dass es zwar sehr viele Pflanzen-Liebhaber gibt, aber nur wenige Pflanzen-Experten. Viele Menschen schätzen und lieben die Pflanzen in ihrer Umgebung oder in ihrem Zuhause durchaus, schenken den Aspekten der Pflege und Fürsorge aber keine besondere Beachtung. Viele Menschen haben einfach keine Zeit oder Lust, sich um die Pflanzen intensiv zu kümmern oder es fehlt die Begabung und der vielfach erwähnte "grüne Daumen"!

Auch hier sah ich wieder die Parallelen zum Maschinen- und Automobilbau. Es gibt zwar viele Menschen, die ihr Auto lieben und sich für die Technik und Ausstattung begeistern. Sie sind fasziniert vom 8-Gang-Automatikgetriebe, vom Allradantrieb und der Vielzahl an elektronischen Assistenzsystemen. Doch wenn es dann daran geht, am Wochenende selbst unter das Auto zu kriechen und den Ölwechsel selbst zu machen, dann hört die Liebe und Begeisterung meist ganz schnell auf. Diese Oberflächlichkeit in vielen Bereichen des Alltags lässt sich 1:1 auf das Verhältnis von Menschen zu Pflanzen übertragen. Jeder möchte Pflanzen haben und seinen Lebensraum mit ihnen schmücken. Aber niemand möchte sich in der notwendigen Tiefe und mit dem dafür nötigen Zeitaufwand der Pflanzenpflege befassen.

Die Hydrokultur löst dieses Dilemma teilweise auf. Das System war und ist im Hinblick auf diese kritischen Anwenderfaktoren gegenüber vielen anderen Arten der Pflanzenzucht und Pflanzenhaltung überlegen. Sie ist deutlich einfacher in ihrer Handhabung, aber auch technisch ausgereifter. Natürlich ist sie in ihrer heutigen Form nicht 100% "Dummy-Proof", aber sie reduziert doch deutlich die Möglichkeit von Fehlern bei der Pflanzenhaltung und steigert die Qualität der Pflanzen.

Nachdem wir festgestellt haben, dass es in ganz Nordamerika, zwischen Mexiko und Alaska, keinen einzigen Anbieter von Hydrokultur-Zierpflanzen gibt, sahen wir die Geschäftsidee darin, diese Pflanzen aus Europa zu importieren. Es ging und geht uns nicht darum, nur schnell und einfach Geld zu verdienen. Vielmehr ist unsere Vision, etwas Nachhaltiges, Innovatives und Cooles aufzubauen, etwas an das wir auch selbst glauben und hinter dem wir stehen. Wir wollten die Dinge von Anfang an richtig machen und das Gesamtsystem von der Pflanze über die Systembausteine (z.B. Kulturtöpfe und Blähton) bis hin zur Vermarktung und der Webseite unter unserer eigenen Kontrolle haben.

Leider stellten wir schnell und völlig desillusioniert fest, dass jegliche Einfuhr von Pflanzen mit Wurzeln nach Nordamerika völlig unmöglich ist. Aufgrund der Angst der Behörden vor Seuchen oder anderen Erregern, sind die gesetzlichen Hürden und der damit verbundene Aufwand extrem hoch. Aus der festen Überzeugung heraus, dass es für fast jedes Problem eine Lösung gibt, entwickelten wir eine zweistufige Strategie. Zu Beginn unseres Geschäftsbetriebes werden wir Erdpflanzen umkultivieren und in einem zweiten Schritt, nachdem wir etwas Erfahrung sammeln konnten, planen wir Cuttings direkt in Hydrokultur zu kultivieren.

Nachdem wir das Problem mit den Pflanzen zumindest angegangen waren, begannen wir uns um die Hardware zu kümmern und zum Test auf einer Palette per Luftfracht einige Kulturtöpfe, Übertöpfe und Wasserstandsanzeiger von Deutschland aus an die Pazifikküste zu verschiffen. Schnell wurden Kooperationen mit den Systemanbietern in Deutschland aufgebaut. Den Blähton konnten wir lokal beziehen, hierzu aber später mehr. Somit hatten wir also bald auch die nötige Hardware hier vor Ort in Kanada.

Das Know How für die Umkultivierung mussten wir uns hart erarbeiten. Oder besser gesagt, einfach ausprobieren. Es folgten streng überwachte Versuchsreihen mit unterschiedlichsten Pflanzen, bei denen wir mit variabler Luftfeuchtigkeit und Wassertemperatur, mit verschiedenen Lichtquellen, Düngern und Wasserumwälzungen experimentiert haben.

Alle 10 Tage legten wir die Wurzeln frei und dokumentierten sauber die Ergebnisse unserer Versuche. Schnell zeigte sich, dass die Umkultivierung unserer Pflanzen zwar sehr zeitintensiv, aber mit über 95% durchaus erfolgreich durchzuführen war. Wir hatten nun also knapp 100 Versuchspflanzen verfügbar, die wir Freunden und Bekannten schenkten. Die Rückmeldungen waren durchweg positiv, die Leute aus unserem Umfeld waren von dieser neuen Hydrokultur und deren Vorzügen begeistert. Das bestärkte uns dabei, weiter zu machen. Ein Freund, der im Moment seine Doktorarbeit in Chemie ablegt, schrieb mir nach einigen Wochen: "Oliver, this is really idiot proof - I love it"!

Natürlich war uns bewusst, dass das Ganze gar nicht so wirklich "idiot-proof" war. Natürlich haben wir von den Marketingfehlern der Baumärkte in Europa in den 90er Jahren gelesen. Damals war das Werbemotto: "Sie müssen nur gießen und genießen"! Das hat und konnte nicht funktionieren. Wir haben gelesen von den kleinen Systemfehlern oder zumindest der damaligen Fehlkommunikation rund um das System Hydrokultur. Pflanzen gingen häufig ein, weil nicht genug Sauerstoff an die Wurzeln kam, da die Leute den Wasserstand nicht abfallen lassen. Pflanzen bekamen zu viel oder zu wenig Licht, oder der Dünger wurde bei diesem "simplen System" einfach komplett vergessen. Und auch die Wasserhärte sollte wohl mit dem Dünger in Einklang sein.

Aber diese Dinge waren zu beherrschen. Sicherlich könnte man viele dieser Herausforderungen durch Innovationen, durch den Einsatz moderner und cleverer Technologien und Prozesse lösen und das System Hydrokultur noch deutlich weiterentwickeln und verbessern. Aus unserer Sicht, der Sicht von Außenseitern, der Sicht von Quereinsteigern, der Sicht von technikverliebten Maschinenbauern, war und ist die Hydrokultur noch nicht am Ende ihrer Entwicklung. Sie steht zweifelsohne auf einem soliden Fundament von Fachexperten und Liebhabern, aber sie wirkte bei unserer Recherche angestaubt. Die Hydrokultur war in den 90er Jahren stehen geblieben, während sich die Welt um sie herum digitalisierte. Doch genau das befeuerte uns. Die Vorstellung, ein im Grunde genommen geniales Konzept aufzunehmen, in einen neuen Markt einzuführen und gleichzeitig Innovationen im Bereich Technik, Vertrieb und Marketing einzubringen. Das war für uns ein schlüssiger Ansatz und sollte unsere Formel zum Erfolg werden.

Für uns war von Anfang an klar, dass es ein Premium-Produkt aus deutscher und kanadischer Produktion sein muss. Vancouver ist eine wunderschöne Metropole, eingebettet zwischen dem Pazifik und den Bergen. Eine Stadt, die seit Jahren zu einer der lebenswertesten Städte der Welt gewählt wird, in der 99% der Taxis einen Hybridantrieb besitzen, in dem alle Stadtbusse elektrisch betrieben werden und die sich anhand eines Aktionsplanes vorgenommen hat, bis zum Jahr 2020 die grünste Stadt der Erde zu werden. Diese Stadt müsste ein genialer und idealer Geburtsort für unseren Startup, für unsere "grüne Idee" sein.
Die Fotogalerie zu dem 1. Teil finden Sie unter. Happy Grün 1
Herzliche Grüße aus einem sommerlichen Vancouver, Britisch Columbia, Kanada.
Oliver Bleicher

p.s. Die Fortsetzung des Berichtes finden sie unter "Happy Grün" Inc. - Teil 2

(04.07.2016)

 
 
Update: 2018-06-12 17:33:36