Sansevieria kirkii Baker ′Friends′

Und wer haftet?

© Engelbert Kötter

"Was gibt´s Neues?" — Neulich im Gartencenter

Neulich im Gartencenter.
Beim Bummel durch die Zimmer Pflanzenabteilung á la "Was gibt´s Neues?" und vorbei an der Orchideenausstellung, stoße ich auf einen viel versprechenden  Pflanzentisch. Auf ihm türmt sich das Einblatt in verschiedensten Topfgrößen, Spatiphyllum von Mini bis XXL. Über all dem prangt ein Deckenhänger: "Für ein besseres Raumklima - diese  Pflanzen reinigen Ihre Raumluft". Gleich daneben ein weiteres Plakat. Darauf aufgelistet die Namen verschiedener Zimmer Pflanzen, allesamt einem Luftschadstoff zugeordnet, den diese Pflanze besonders gut abbaut. Efeutute zum Beispiel, die sei gut gegen Nikotin, sprich: Tabakqualm, heißt es da. Ich bin begeistert. Meine Zigarilloqualmerei geht meiner Frau eh auf die Nerven und statt Rosenstrauß tue ich ihr folglich doch viel lieber mit einer Efeutute etwas Gutes. Gedacht, getan - gekauft. Daheim zieht meine Frau die Augenbrauen hoch: „Soso, eine Efeutute. Naja, ein Rosenstrauß hätte es auch getan", schnurrt sie von dannen, kaum, dass ich ihr noch erklären kann: Du, die macht reine Luft!" Minuten später ziehen Tabakschwaden durch den Raum.

So, wie immer. Da mitten hinein platziere ich den grünen Neuling - und warte. Warte, dass sich etwas tut.

Diese Efeutute müsste doch jetzt, Staubsauger gleich, etwas gegen den Tabakqualm tun. Hat es doch geheißen, auf dem Plakat, im Gartencenter. Doch nichts passiert. Alles so wie immer. „Du und Deine Qualmerei!", sagt meine Frau noch. Alles so, wie immer. Dicke Luft, statt frischer Luft!

Anderntags bin ich wieder im Gartencenter. In der Zimmer Pflanzenabteilung schnappe ich mir den Fachverkäufer vom Dienst und drücke ihm den kletternden Nichtsnutz vom Vortag in die Hand: „Tut´s nicht", raune ich ihm zu und "will ich umtauschen". Mein Gegenüber schaut mich verwirrt an und fragt: „Wie - tut´s nicht? Was soll das heißen?" Ja, das da", weise ich mit dem Finger auf die Deckenhänger über uns. Mein Mann in der grünen Kleidung zuckt mit den Schultern: „Ja, und was heißt das jetzt, tut´s nicht´?", will er nun genau wissen. Ich berichte ihm von meiner Einkaufsbegeisterung, meinem eigenhändigen Versuch - und meiner echten Enttäuschung. Seine Reaktion: „Ja, ich weiß jetzt auch nicht …", kommt er ins Stottern, „normalerweise kann ich Ihnen die Pflanze nur dann ersetzen, wenn mit der was nicht stimmt …". „Dann passt das ja, mit der stimmt ja auch etwas nicht", gebe ich zurück. Schweigen. Stummes, betretenes "ich weiß jetzt auch nicht recht weiter" meines Grünfachmanns. Aber vielleicht habe ich ja selbst etwas falsch gemacht. Oder bloß nicht richtig verstanden. Offen für Fachliches oder auch nur Sachliches frage ich ihn daher: „Wie viele Pflanzen braucht man denn da, damit die die Luft von Tabakrauch reinigen kann?" Was als Brücke für ihn gedacht war, bringt meinen Berater nur noch mehr in Bedrängnis: „Ja, ich weiß jetzt auch nicht".

So geht es eine Weile weiter, auch die Abteilungsleiterin ist blank und so bin ich irgendwann entnervt: „Na, schönen Dank auch!", und wende mich, zu gehen. „Aber die Dinger da", deute ich noch einmal auf die Dekkenhänger, „die nehmen Sie dann doch wohl besser mal ab …", sage ich beim Gehen.

Ich hab´s mir nicht nehmen lassen - ich hab´s kontrolliert. Und siehe da, die Dekkenhänger waren tags darauf verschwunden.

Meiner Frau habe ich ein paar Rosen mitgebracht.

So oder doch so ähnlich könnte es sich abspielen, wenn ein Kunde beim Gärtner tatsächlich mal in Versuchung geraten würde, nachzufassen. Saubere Raumluft, Schadstoffabbau, Schutz vor Elektrosmog gar, verbesserte Raumluftfeuchte - die Versprechungen, die rund um die "Wohlfahrtswirkungen von Zimmerpflanzen" im "Fach"-handel gemacht werden, sind bunte Sträuße! Aber kaum einer der Anbieter hat die Expertise und kann mit den viel ersprechenden Kundeninformationen fachgerecht umgehen.

Was also würde passieren, wenn es ein Kunde im Sinne von Produkthaftung darauf anlegen würde, den Händler als Verursacher eines Produktversprechens auf dieses festzunageln? Dann nämlich, wenn er darauf stößt, dass das, dem an allzugern und obendrein leichtfertig Glauben schenken mag, weil es doch so sympathisch klingt, eben nicht zu trauen ist - weil eben nicht wahrheitsgemäß? Denn, so ein Kern dieser Wahrheit: Sicher, Pflanzen können Luftschadstoffe grundsätzlich abbauen. Aber diese Erkenntnis stammt aus Laborversuchen mit  Pflanzen in luftdichten Versuchsaufbauten mit höchst empfindlichen Messinstrumenten. In vitro eben.

In situ, in der Praxis, da sehen die Messergebnisse gleich ganz anders aus. Hier haben, Messungen zufolge, in einem Raum von elf Quadratmetern Größe sogar 200 aufgestellte Chlorophytum (oft gepriesen für ihre angeblich so guten Luftreinigungsqualitäten) keine messbaren Ergebnisse gezeigt. „Wie denn auch?", unterstreicht der Fachmann.

Denn mit welcher Stoffwechselgeschwindigkeit nimmt eine Zimmerpflanze welche Mengen von Schadstoffen auf - wie viel insgesamt von dem, was sie in summa an Wohngiften umgibt? Hinzu kommt:  

Pflanzen in üblicherweise lichtarmen Räumen wachsen ohnehin unterproportional langsam. Ebenso tickt infolgedessen ihr verlangsamter Stoffwechsel, und damit der grundsätzlich, aber eben nicht praxiswirksam werdende Abbau von Giftstoffen in der Raumluft.

Den Grund dazu kennt jeder Gärtner noch aus der Berufsschule: "Luftwechselzahl" heißt das Zauberwort.

Bedeutet konkret: Die Stoffwechselgeschwindigkeit der Zimmer Pflanzen sind immer überlagert von der Luftwechselzahl des Gebäudes und Raumes: Die Pflanze kann sie gar nicht so schnell verstoffwechseln, wie neue Giftmengen mit der Raumluft nachgespült werden. Deswegen gilt: Zunächst die Quellen von Wohnraumgiften (z.B. Formaldehyde aus ressspanplattenmöbeln) zum Versiegen bringen, dann eventuell mit Grün-Pflanzen nachkurieren. Drei, vier mannshohe Birkenfeigen, haben Versuche gezeigt, bedeuten dann eine minimale, aber doch nachweisbare Wirkung.

Einzige wirklich wirksame Luftverbesserungskomponente der Zimmer-Pflanzen ist und bleibt die Verbesserung der relativen Raumluftfeuchte durch sie. Doch auch hierbei gilt: Die meisten Zimmer Pflanzen machen im Winterhalbjahr dicht. Sie verdunsten gerade dann am wenigsten Wasser, wenn wir es zur Bekämpfung der zu trockenen Raumluft am dringlichsten benötigen. Einzig mit "Prima Klima -  Pflanzen®" (den echten, nämlich: speziellen und markenrechtlich geschützten Klonen von Sparrmannia, Musa, Cyperus) lässt sich die relative Raumluftfeuchte steuerbar erhöhen. Und was dann, wenn ein dazu kompetent befähigter Raumbiologe zuvor berechnet hat, wie viele  Pflanzen welcher Art und Größe dazu benötigt werden, die relative Raumluftfeuchte um wie viel Prozent anzuheben. Denn ein Zuviel an Feuchte wäre ebenso fatal (Stichwort: Schimmelpilzbildung), wie ein Zuwenig (Stichwort: unterschrittene Wirkungserwartung).

Fazit: Zimmer-Pflanzen können wirken. Dann, wenn man zuvor den wirklichen Fachmann ranlässt! Für alles andere gilt:

Hütet Euch vor der Haftung!

 

Update: 01.02.2015 16:56:27