Wurzelfenster - Deutsche Gesellschaft für Hydrokultur e.V.
Crassula ovata (Mill.) Druce

Wurzelfenster

© Dr. Harald Strauch Der Kulturtopf wird erwachsen

Wer sich mit der Hydrokultur beschäftigt oder auch schon mit ihr vertraut ist, kennt das Prinzip dieser Ordnung und weiß, dass es sich bei diesem System um sehr spezielle Standards handelt, die für Kulturtöpfe, Gefäße, Wasserstandsanzeiger und weiteres Zubehör gelten und einen universellen Einsatz aller Zubehörteile der verschiedenen Hersteller ermöglichen.
In diesem Beitrag wird speziell über den Kulturtopf berichtet, der je nach Verwendungszweck eine bestimmte Eigenschaft besitzen sollte, um dem Pflanzenwachstum, der Pflanzenentwicklung und der Pflanzenqualität in den verschiedenen Phasen der Produktion, der Vermarktung und der Pflege in der Raumbegrünung eine günstige Voraussetzung zu bieten. Hierbei zeigen sich einige Schwierigkeiten, die nachfolgend behandelt werden sollen.
Erinnern wir uns an die Anfänge der Hydrokultur und an die genormten Styroportöpfe, die keineswegs in der Pflanzenproduktion und ebenso wenig in der Vermarktung eine Zustimmung fanden.
Diese Töpfe waren nur von eingeschränkter Haltbarkeit und das seitliche Aufreißen der Töpfe und das Ausbrechen des oberen Topfrandes bedingten nicht nur ein unschönes Aussehen, sondern auch ein eingeschränktes Handling und Substratverluste.

Styroportöpfe wurden durch Töpfe aus Kunststoff ersetzt, die anfänglich sehr spröde und zerbrechlich waren. Im Laufe der Jahre verbesserten sich jedoch diese Kunststoffe erheblich, wurden elastischer, biegsamer und insgesamt zäher, so dass die Pflanzenproduktion und auch die Vermarktung mit dieser Entwicklung sehr zufrieden sein konnten. Nicht so die Innenraumbegrüner, die einen Topf vorfanden, der den Pflanzen in der Produktion entsprechend ihrer Größe zum Kultivieren angepasst wurde, jedoch eine weitere und freie Entwicklung im Gefäß am Endstandort, wo eine stete Pflanzenentwicklung zu wünschen und zu erhoffen wäre, kaum ermöglichte. Auch deshalb nicht, weil ein Durchstoßen/ Durchwachsen der Wurzel durch den Kunststofftopf, im Gegensatz zum Styroportopf, von sehr geringen Ausnahmen abgesehen, nicht möglich ist. Diese erheblichen Schwächen der Kulturtöpfe aus Kunststoff wurden sehr früh erkannt und geeignete Maßnahmen, wie das Aufschneiden und auch das Entfernen dieser Töpfe wo möglich, in Seminaren diskutiert. Nun erreichen aber solche überwiegend mündliche Informationen nur wenige Marktteilnehmer und ein Erfolg für das gesamte Hydrokultursystem ist auf einem solchen Weg nicht zu realisieren. Diesbezüglich sind die Fachgremien zu nennen, die diese Themen publizieren und auch geeignete Maßnahmen zur Umsetzung einleiten können.

Dies setzt voraus, dass in diesen verschiedenen Gremien auch Einsicht für die Dringlichkeit und der Wille zur Umsetzung für bestimmte Maßnahmen vorhanden sind. Ich wiederhole: Einsicht auch darüber, dass ein Gesamtsystem nur so gut sein kann, wie der (einzelne) schwächste Baustein im System. Und über diesen Baustein, den Hydrokulturtopf, kann folgendes zusammengefasst gesagt werden.
In der Produktion werden die Pflanzen entsprechend ihrer Größe den unterschiedlichen Kulturtopf - Größen zugeordnet.

Diese Zuordnung geschieht nach Augenmaß, Praktikabilität und Wirtschaftlichkeit. Das ist auch gut so. Die Pflanzen, besonders größere, müssen einen guten Halt für ihre Wurzeln finden und das bedeutet, besser einen Topf mit kleinerem, als einen mit zu großem Durchmesser verwenden. Nun kommt die Zeit, wo die Pflanzen “angewachsen“ sind; sie sitzen fest in Ihrem Kulturtopf und dieser fällt beim Hochheben von der Pflanze nicht mehr ab, bedingt dadurch, dass die Pflanzenwurzeln einen deutlichen Druck auf den Innentopf ausüben und diese “Spannung“ zu einer festen Einheit von Pflanzenwurzeln, Blähton und Kulturtopf führt. Dieser Zustand der “Spannung“ kann nach einer längeren Standzeit von einigen Wochen und auch Monaten der Anwachsphase, innerhalb von sehr wenigen Wochen oder auch nur Tagen erreicht werden. Diese Phase zeigt an, dass die Pflanzen in ihrem Kulturtopf einen Höhepunkt der Entwicklung erreicht haben, der nun dringend nach einer Veränderung verlangt. Gehen wir weiter davon aus, dass diese Pflanzen zeitgerecht vermarktet und in ein Hydrogefäß überführt wurden. Was dann? Nun, in der Raumbegrünung ist die Pflanzenentwicklung bei weitem nicht von gleicher Entwicklungsgeschwindigkeit wie in den Gewächshäusern der Produktionsbetriebe.

Die Uhren laufen erheblich langsamer und helfen dabei die Pflanzenqualitäten im Objekt zu halten, möglicherweise auch noch ein wenig zu steigern. Das eigentliche Problem ist und bleibt der Kulturtopf, der mit der Entwicklung der Pflanze nicht Schritt hält und auch nicht mit wächst. Dieser Kulturtopf begrenzt auf Zeit das Pflanzenwachstum und die Pflanzenentwicklung und wird zu einem der schwächsten Glieder in der Kette der Hydrokultur Systembausteine.



Der neue Hydrokultur-Topf im Vergleich

Eine Lösungsmöglichkeit, die sich anbietet, ist das Einschneiden der Töpfe, damit sich die Wurzeln über so genannte WURZELFENSTER (Hydrokultur intern, 24. Juni, 2008, Heft 2, Seite11) in ihrer weiteren Entwicklung im Gefäß ausbreiten können. Dieses Wurzelwachstum ist besonders bei einem Langzeit- System, wie es die Hydrokultur darstellt, von erheblicher Bedeutung. Die Wurzeln dienen nicht nur der Verankerung im Substrat! Dies wussten auch schon die Römer und Seneca schrieb vor 2000 Jahren in einem Brief an Lucilus (95,64): „Aber wir wollen beides verbinden; denn auch die Zweige sind unnütz ohne Wurzeln und die Wurzeln selbst werden durch das gefördert, was sie erzeugt haben.“

Was da erzeugt wurde sind zum Beispiel Hormone und die Syntheseorte sind unter anderem auch die Wurzeln, häufig sogar die Wurzelspitzen. Bei den Hormonen handelt es sich um Auxine, die beispielsweise auf die Zellstreckung und das Wurzelwachstum wirken, um Gibbereline, die ebenso die Zellstreckung beeinflussen, die Cytokinine, die den Alterungsprozessen in der Pflanze entgegenwirken und Abscisine, die der Wachstumshemmung dienen und dadurch ein kompaktes Pflanzenwachstum unterstützen.

Ohne diese Hormone, die in den Blättern, Trieben und in den Wurzeln gebildet werden, gibt es keine gesunde Pflanzenentwicklung. Daraus wird die überragende Bedeutung eines aktiven Wurzellebens für die Pflanze ersichtlich.

Das trifft auch auf Pflanzen in Hydrokultur zu. Diese Erkenntnis lässt das Thema Kulturtopf in einem anderen Licht erscheinen. Und damit die Auswirkungen einer Vernachlässigung dieses Problems verstanden werden, ergänze ich diesen Artikel noch mit drei Absätzen aus einem früheren Bericht von Hydrokultur intern 15. Juli 2005, Jg. 5, Ausgabe 16, Seite 11.

Es fällt auf, dass sich die Pflanzenwurzeln der Beobachtung völlig entziehen. Und dies ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass die überragende Bedeutung der Wurzeln für die Pflanzenqualität meist erheblich unterschätzt wird.

Im Kulturtopf steht dem Wurzelwachstum nur ein begrenzter Raum zur Verfügung.
Hinzu kommt, dass sich physiologisch aktive Wurzeln – in freier Natur und in Gefäßen ist das nicht anders - vorwiegend in oberflächennahen Schichten ausbreiten. Das anfänglich lockere mineralische Substrat begrenzt nach intensiver Durchwurzelung den Luftaustausch und hemmt jedes weitere Wurzelwachstum. Bei Kulturtöpfen mit geringem Durchmesser ist dieser Zustand nach wenigen Wochen erreicht und das ganz besonders an hellen Standorten. Ein pflanzengerechtes Gießen ist dann, im durch Wurzeln verdichteten Substrat, kaum noch möglich. Denn auch die geringste Wassergabe steigt rasch im verdichteten Topf nach oben und verdrängt den noch verbleibenden restlichen Sauerstoff aus den letzten durchlüfteten Substratschichten. Und der Vorgang des Gießens wiederholt sich ja alle 1 bis 3 Wochen und verursacht so bei den Pflanzen über mehrere Tage nach jedem Gießen einen erheblichen Stress.

Alle lebenserhaltenden Vorgänge der gesamten Pflanze werden bei Sauerstoffmangel im Wurzelbereich eingestellt, und erst bei absinkendem Wasserstand und erneuter Luftzufuhr wiedererlangt. Was bedeutet das in der Praxis? Nun, bei akutem Sauerstoffmangel im Wurzelbereich ist die Pflanze nicht mehr fähig, Wasser und Nährstoffe aufzunehmen und auch die Synthese der Hormone ist nicht mehr gegeben. Dies zeigt die Pflanze deutlich durch physiologische Schäden, besonders an den Blättern durch Aufhellungen und Nekrosen und auch durch beginnenden Blattfall. Die Pflanze beginnt zu altern.

Aus diesem Zusammenhang wird ersichtlich, dass der geschlossene Kulturtopf in der Hydrokultur einen schwerlich zu überwindenden Engpass darstellt, insoweit er die erheblichen Vorzüge des Blähtons, als ein hervorragend lockeres Substrat, zunichte macht und den Wurzeln keine Gelegenheit für ein weiteres Wachstum bietet. Dieser Sachverhalt ist den Fachgremien bekannt und der Fachverband hat auch bereits Kulturtopf -Änderungen vorgenommen und weitere Kulturtopfmodifikationen in Aussicht gestellt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind deshalb vor der Überführung der Kulturtöpfe in ein Gefäß, vorab nur Empfehlungen möglich, an den Kulturtöpfen im mittleren Bereich, also oberhalb der unteren seitlichen Schlitze, mit einem Hakenmesser (Teppichmesser) zusätzliche Wurzelfenster in die Töpfe zu schneiden oder wo es möglich ist, den Kulturtopf vor der Überführung in das Gefäß ganz zu entfernen. Für eine erfolgreiche Umsetzung der Kulturtopf - Änderungen muss auch das letzte Glied in der Kette, in diesem Fall der Innenraumbegrüner, berücksichtigt und informiert werden. Die Pflege des Hydrokultur Systems und ganz besonders die Einhaltung der verschiedenen Standards zur Aufrechterhaltung der Funktionstüchtigkeit, sind verständlicherweise von nicht zu unterschätzender Bedeutung für das System selbst und für den Anwender, der sich von dem Nutzen eines solchen Systems einen Vorteil erhofft. Zudem ist eine begleitende System Information besonders bei Veränderungen an diesem, und bei neuen Erkenntnissen eine wichtige und nicht zu vernachlässigende Aufgabe, die zu erledigen über die Güte des Gesamtsystems entscheidet.

(16.10.2009)

Update: 2015-01-08 14:59:32