* Kulturverfahren in der Raumbegrünung - Deutsche Gesellschaft für Hydrokultur e.V.

* Kulturverfahren in der Raumbegrünung

© Dr. Heinz-Dieter Molitor Quo vadis?

In einer Folge von mehreren Berichten wollen wir versuchen etwas Ordnung in die verwirrende Vielfalt der Kultursysteme zu schaffen, die heute in der Raumbegrünung praktiziert werden. Zunächst werden die Möglichkeiten der Wasserbevorratung dargestellt, im weiteren Verlauf die eingesetzten Substrate und gesondert Zeolithe-Granulate.
Teil 1: Möglichkeiten der Wasserbevorratung
In der Raumbegrünung wird derzeit eine Vielzahl unterschiedlicher Kulturverfahren angewendet. Leider gibt es keine verlässliche Statistik darüber wie hoch der Anteil der einzelnen Verfahren ist. Auch lässt sich nicht quantifizieren, ob der vielfach vermutete Rückgang bei der "Hydrokultur" tatsächlich und in welchem Ausmaß stattgefunden hat.

Fakt ist, dass namhafte Betriebe in der Raumbegrünung sich teilweise ganz von der Hydrokultur verabschiedet haben.

Dazu gehört beispielsweise die Firma Wyss in der Schweiz. Auch die Schweizer Firma Luwasa als Urkeimzelle der Hydrokultur bietet mit "Luwasa LT" inzwischen ein alternatives Substrat auf Basis natürlicher Granulate an. Deutsche Firmen sind schon länger in dieser Weise aktiv, wie beispielsweise die Firma Lenz mit dem früheren Verfahren "Terraponik" und heute "TerraComfort". Das Entwickeln und Testen neuer Kultursysteme ist somit nicht neu. Es begleitet die Innenraumbegrünung seit Jahrzehnten.

Aus praktischer Sicht besteht der entscheidende Unterschied zwischen den verschiedenen Verfahren weniger in der Art des Substrates oder der Anzucht der Pflanzen. Vielmehr ist es die Art der Wasserbevorratung, aus der sich entscheidende Konsequenzen bezüglich der technischen Gestaltung (Systemaufbau) und im Hinblick auf die Anforderungen an bestimmte physikalische Eigenschaften des Substrates, wie die Wasserspeicherfähigkeit, die Wasserleitfähigkeit, die Wassersteighöhe und das Korngrößenspektrum ergeben. Auf dieser Grundlage unterscheiden sich die Kulturverfahren in der Raumbegrünung in folgender Weise:


— Wasseranstau im Substrat

Der Wasserspeicher ist in den Substratbereich integriert. Klassisches Beispiel dafür ist das so genannte "Hydrokulturverfahren" mit Blähton (Abb. 1).
Es ist das einzige Verfahren, bei dem in einem speziellen Hydrokulturtopf mit Blähton angezogene Pflanzen erforderlich sind. Allerdings werden auch in gärtnerischer Erde angezogene Pflanzen auf diese Weise eingesetzt, dann jedoch meist in gebrochenem Blähton oder in natürlichen Mineralien, wie Lava, Bims oder Zeolithe. Die Wasserspeicherfähigkeit des jeweiligen Substrates ist dabei von untergeordneter Bedeutung. Wichtig ist hingegen eine definierte Wassersteighöhe. In dieser Weise werden auch Zweischicht-Systeme praktiziert, bei denen die Anstauzone mit Blähton durch eine Vlies- oder Glasfasermatte von der aufgelagerten eigentlichen Substratschicht getrennt wird.

— Geringer konstanter Anstau mit separatem Wasserspeicher

Der Nährlösungsvorrat befindet sich in die doppelte Gefäßwandung integriert („H2O-System“ der Firma Jago (Abb. 2);
„Happy Plant“ der Firma Omni Innovation/CH) (Abb. 3), oder in einem separatem Wassertank („Blaicher- System“).
Auf diese Weise wird der Nährlösungsvorrat beträchtlich erhöht.
Durch den geringen Anstau im Wurzelbereich wird zudem das Risiko von Sauerstoffmangel in der Anstauzone deutlich vermindert. Die Nutzung der Gefäßwandung als Wasserspeicher wurde bereits Ende 1970 in Form des „Miraflor- Gefäßes“ (Abb. 4) sowie des so genannten „blüto-„ bzw. des SEGi-Topfes“ (Abb. 5) realisiert. Auch der Hydrotank stammt aus dieser Zeit (Abb. 6).


— Wasserspeicher im Substrat ohne Anstau

Das Substrat übernimmt die Speicherfunktion für Wasser. Voraussetzung ist eine hohe Wasserspeicherfähigkeit des eingesetzten Substrates. Beispiel dafür ist das Seramis®-System mit offenporigem Pflanzgranulat aus gebranntem Ton (Abb. 7).

Ein Vorläufer von Seramis® war das Substratspeichersystem Grolit (Abb. 8).

In ähnlicher Weise werden auch natürliche mineralische Substrate eingesetzt: Bims, Zeolithe, Perlite und Lava. Um deren im Vergleich zum Pflanzgranulat Seramis niedrigere Wasserspeicherfähigkeit zu kompensieren, wird beim Auffüllen der Gefäße teilweise ein kurzfristiger niedriger Wasseranstau praktiziert.
Dazu gehört aber viel Erfahrung, bei welchem Standort in einem Objekt dies gefahrlos möglich ist. Die angestaute Nährlösung im Gefäß sollte innerhalb von 1-2 Tagen verbraucht sein.


— Separater Wasserspeicher unabhängig vom Substrat (Dochtsysteme)

Die Nährlösung befindet sich vom Substratbereich durch einen Zwischenboden getrennt im unteren Teil des Pflanzgefäßes. Die Verbindung zwischen Wasserspeicher und Substrat wird durch in den Wasserspeicher ragende Substratkegel oder durch spezielle Dochte hergestellt.
Beispiel dafür ist das bekannte Riviera-System (Abb. 9).


Dieses Verfahren wird auch mit Substraten praktiziert, die einen hohen Anteil zersetzbarer organischer Komponente enthalten. Dies kann die in der Raumbegrünung geforderte langfristige Haltbarkeit der Bepflanzung nachteilig beeinflussen und entspricht nicht den FLL-Richtlinien in denen eine Obergrenze von 5 Vol-% organische Substanz festgelegt ist. Das Dochtsystem dürfte das älteste Verfahren der Langzeitbewässerung in der Raumbegrünung sein. Am 14. März 1885 wurde J.C. Schmidt/Erfurt ein Patent auf seinen von ihm entwickelten „Pflanzenbehälter mit Selbstbewässerung“ erteilt (Abb. 10). Die Entwicklung ist bis heute nicht abgeschlossen, wie die modernen Langzeitbewässerungssysteme von „Lechuza“ und von Hutzel Hydrokulturen/ Bad Iburg („Planta Nova“) zeigen (Abb. 11).



Fazit
Alle dargestellten Formen der Wasserbevorratung haben Vor- und Nachteile. Vorteil des Anstausystems ist die leichte Steuerung der Bewässerung über einen Wasserstandsanzeiger, allerdings verbunden mit dem Risiko von Wurzelschäden infolge Sauerstoffmangel im überstauten Bereich. Konstant niedrige Wasserstände in Verbindung mit einem separaten Wasserspeicher erhöhen den Aufwand und damit die Systemkosten beträchtlich. Die zweifellos für das Pflanzenwachstum beste Form ist die Wasserspeicherung über das Substrat. Es bestehen allerdings Unsicherheiten über den richtigen Zeitpunkt der Bewässerung und die Wassermenge muss hinreichend genau bemessen werden, damit kein Anstau entsteht. Diese Nachteile lassen sich durch Dochtsysteme vermeiden, aber dann in Verbindung mit einem inerten Granulat, wie Seramis oder natürlichen Granulaten mit guter Wassersteigfähigkeit.
Dr. Heinz-Dieter Molitor
Forschungsanstalt Geisenheim

(05.04.2009)
(20.01.2012)
(11.01.2013)

Update: 2015-01-31 17:25:24