Crassula ovata (Mill.) Druce

Kantine & Co. - Pflanzen an frequentierten Plätzen

© Engelbert Kötter

Wenn Pflanzen schreien könnten ...

Dass Pflanzen Menschen auf verschiedene Weise gut tun, das ist zumindest für Begrüner eine Binsenweisheit. Und intuitiv sucht der Mensch in Gebäuden die Nähe von Pflanzen – überall z. B. in Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung, in Besprechungszimmern, in Aufenthaltsräumen.
Wie aber gehen die Menschen in buchstäblichen "Ballungs-Räumen" mit ihren Pflanzen um? Ein Blick in die Begrünungspraxis.

Die Erfahrungen von Raumbegrünern sind nahezu immer dieselben: Grün ist zunächst einmal begehrlich. Und nach der Begrünung zum Beispiel eines Firmenfoyers oder auch Büros, geht regelmäßig ein Raunen durch die Reihen: „Das sieht ja jetzt ganz anders aus“. Welch Wunder! Soll es ja auch!

So anders sieht es oft aus, speziell nach intensiver Bürobegrünung, dass zunächst bei den Betroffenen die Vokabel „Dschungel“ bemüht wird. Und immer wieder ist da die Erfahrung, dass bei den Büronutzern die Pflanzen zunächst als etwas Neues, vielleicht sogar Beeinträchtigendes angesehen wird.

Etwas, das das Raumgefühl verändert, Blickachsen neu verteilt, Zonen privaten Empfindens verändert, um das man jetzt vielleicht sogar herumgehen muss. Etwas jedenfalls, das im bislang gewohnten Umfeld neue Aufmerksamkeit erfordert. Auch dann, wenn die Begrünung zuvor bewusst so vom Kunden ausgewählt und vom Begrüner ausgeführt wurde, dass sie in den Arbeitsabläufen keinesfalls stört. Es dauert in der Regel etwa sechs Wochen, bis diese Stimmung umschlägt in ein „Mein“- und „Unser“- Gefühl. Dann nämlich, wenn von der Begrünung gleichsam geistig Besitz ergriffen wurde, sie als grundsätzlich angenehm, dazugehörig, ja sogar als ein unverzichtbarer Bestandteil des Wohlfühlens am Arbeitsplatz erlebt wird. Etwa 3/4 bis 90 Prozent der Mitarbeiter verteidigen dann „ihre“ Begrünung gegen Schmähungen der nicht begrünten Kollegen ebenso, wie gegen Beeinträchtigungen oder Reduzierung „ihres“ Grüns. So lautete beispielsweise in einem Fall auf die Ankündigung eines Büroumzugs in ein anderes Gebäude, die erste Reaktion der Mitarbeiter nicht etwa „Wohin ziehen wir denn um?“ oder „Warum denn das?“ – nein, sie lautete, wie aus der Pistole geschossen:
„Aber unsere Pflanzen ziehen mit um!“.

Hier werden Pflanzen von "ihren Menschen" als wertig und wichtig empfunden.

In anderen Fällen, in denen dieses Gefühl von Wertigkeit und Wichtigkeit von Pflanzen im Gebäude bei Raumgrünnutzern weniger stark ausgeprägt ist, wo es bestenfalls bis zur eigenen Gleichgültigkeit allem Grünen gegenüber reicht, da werden die Bepflanzungen zwar durchaus wahrgenommen, sie werden aber als gegeben hingenommen und dem Grün wird nicht sonderlich Bedeutung beigemessen. Wirklich Pflanzen ablehnende Zeitgenossen sind indes selten – in vielen Jahren Branchenzugehörigkeit habe ich nur ein, zwei Fälle erlebt, in denen jemand gezielt die Pflanzen aus seinem Büro entfernt haben wollte.

Grundsätzliche Pflanzenbegehrlichkeit schützt vor Vandalismus nicht. Dabei treten zwei Hauptschäden auf. Der eine bezieht sich auf die Beschädigung oder auch Zerstörung des Wasserstandsanzeigers. Der andere auf Verschmutzungen. Bei dieser werden kleinere Abfälle (Zigarettenkippen, zusammengeknülltes Papier, Becher etc.) zwischen den Pflanzen versteckt abgelegt. Und klebrige Verkrustungen auf der Oberfläche der Blähtonkugeln deuten auf in das System geschütteten Milchkaffee, auf Cola & Co.. Aber nicht immer lässt sich so einfach ermitteln, ob und was in eine Hydrokultur geschüttet wurde. In einem Altenheim z.B. waren immer wieder unerklärliche physiologische Schäden an den Pflanzen einer etwas abseits im Aufenthaltsraum aufgestellten Hydrokultur aufgetreten.

Ursache unbekannt. Bis schließlich ein Pflanzenpfleger während eines Pflegegangs zufällig beobachten konnte (oder musste …), wie ein Betagter in die Hydrokultur urinierte. Nachdem sich anschließend herausstellte, dass das nicht ein Einzelfall war, war das Problem geklärt.
Interessant ist übrigens, dass jedwegliches Hineinschütten von Flüssigkeiten in Hydrokulturen in den meisten Fällen offenbar eine "Verlegenheitslösung" ist.

In Kantinen z. B. taucht es seltener auf, weil hier Getränkereste einfach über Tablett und Bedientheke entsorgt werden können. Dort aber, wo man eine (Reste)Entsorgung diskret vornehmen möchte („Ich mag nicht mehr“), dazu aber keine vorgesehene Einrichtung vorfindet (das ist z.B. bei Empfängen, in Foyers, in Büroräumen, in Besprechungsräumen der Fall), da verleitet es als eine scheinbar schnelle, unscheinbare „Lösung“ dazu, mit einer kleinen Bewegung aus dem Handgelenk seine Getränkereste zu entsorgen. Sieht ja keiner. Aber der Gärtner merkt´s! Und die Pflanzen auch. Wenn die schreien könnten …! All diese Fälle wird man wohl kaum als wirklich böswillig verursacht bezeichnen können. Es sind eher zwei andere Gründe: Gedankenlosigkeit und Unkenntnis.

Wenn an Wasserstandsanzeigern herumgebastelt wird, dabei Blähtonkugeln hineingeraten und das System blockieren, wenn die empfindlichen Kappen der WA abgebrochen werden, wenn Unrat und Flüssigkeiten ins System gegeben werden, dann ist es gedankenloser Umgang mit dem Pflegesystem Hydrokultur, in Unkenntnis der Bedürfnisse des Lebewesens Pflanze.

Dass es nicht wirklich böswilliger Vandalismus ist, das deuten – über anders geartete Einzelfälle, wie man vermuten darf, hinaus – amerikanische Studien an. Denen zufolge nimmt Vandalismus in stark begrünten Bereichen sogar deutlich ab. Ganz im Gegensatz zur ursprünglichen Vermutung der Grünkritiker, dass sich hinter üppiger Bepflanzung all diejenigen verstecken würden, die lieber im Dunkeln handeln. Das Gegenteil war der Fall!

Nutzen wir unsere eigene Freude und die unserer Zeitgenossen an Pflanzen als Chance. Als Antrieb, uns selbst mit der Pflanze und ihren Bedürfnissen weiter vertraut zu machen.
Das Umfeld reagiert dann schon ganz von selbst: "Sag mal, Du hast doch einen Grünen Daumen – wie ist das eigentlich mit …? Erzähl mal!" Und schon weiß wieder jemand mehr, wie das "so ist" mit Pflanzen in Räumen. Und wie man mit ihnen umgeht. (EKö)

(09.07.2011)
Update: 09.07.2011 00:00:00