Gloriosa superba L.

Pioniere der Hydrokultur

© Prof. Dr. Meir Schwarz

und ihren Anfängen
Neue Ideen diskutiert man am Besten in der Badeanstalt des Kibbutz. Zwischen zwei Brausen sprach ich zu einigen Mitgliedern über mein Interesse, einige Versuche mit Hydrokultur zu unternehmen. Es war ungewöhnlich, daß sich jemand für etwas vorschlug. - das sind die gewählten Vorsitzend. Normalerweise beschloss die 'Allgemeinheit' des Kibbutzes, daß der und der das und das macht! Dieser ‚ der und der‘ folgte natürlich dem ‚Ruf der Gemeinschaft‘. Es war doch alles so tief und idealistisch kommunistisch in unserem streng religiösen Kibbutz.

Drei Jahre zuvor war eines Abends der Arbeitseinteiler – einer der mächtigsten Männer im Kibbutz – gekommen und hatte mir mitgeteilt: ‚Ab morgen bist Du Lehrer, es ist niemand anderes da, alle ‚ Besseren‘ brauche ich für die Landwirtschaft. ‘ Lehrer waren nicht hoch angesehen und die Ausdrucksweise des Arbeitseinteilers machte daraus keinen Hehl. So wurde ich von einem Tag zum anderen versetzt. Für wie lange – das bestimmte sicherlich nicht ich! Meine Ausbildung hatte ich acht Jahre zuvor nach achtjährigem Volksschulbesuch beendet. Das genügte für einen Lehrer!
Also, sich selbst und noch dazu Lehrer für eine Idee vorzuschlagen, war gewagt. Doch auch im Kommunismus gibt es Wunder, meine Idee wurde akzeptiert. Natürlich durfte diese Initiative nur nach der offiziellen Arbeitszeit stattfinden. ‚In deiner Freizeit‘, hieß es. Nun, als Lehrer konnte ich mich darauf einlassen.

Es gab im Kibbutz schon sechs halbierte Eisenfässer, die mit Wasser und Chemikalien gefüllt waren. Darauf lag ein Drahtgeflecht mit einer Schicht Holzspäne – 5 cm dick. Das ganze war von einem Holzrahmen eingefasst. Darin sollten nun Pflanzen wachsen!? Das Ergebnis war jämmerlich. Ein sogenannter Spezialist aus einem anderen Kibbutz kam einige Male, um Instruktionen zu geben.

Die Pflanzen wuchsen nicht. Diese Instruktionen übernahm ich und organisierte noch einige halbierte Fässer. Die Erträge waren einige armselige Radieschen und Salatpflanzen. Nun bekam ich Geld für neue Chemikalien. Um allerdings Schwefelsäure, selbst in kleinsten Mengen, zu kaufen, brauchte man eine Genehmigung, da Schwefelsäure auch zur Herstellung von Bomben diente. Es war die Zeit des britischen Mandates in Palästina. Selbiges galt für die Anschaffung von Salpeter. Ich bekam eine chemische Formel aufgeschrieben, die ich natürlich nicht verstand und zudem falsch abschrieb. Damals hielt ich sie für die Wunderformel für erdelosen Pflanzenanbau.

Als die Wirkung wieder ausblieb, vermutet ich, daß es der Nährlösung an Luft fehlt und blies einfach rein – nachts, wenn keiner mich sah. Und dann bestimmte die Vollversammlung eines Tages, daß ich für ein Jahr in die USA gehen sollte um für neue Kibbuz-Mitglieder zu werben. Jahre zuvor war ich für 18 Monate in Europa gewesen, um im Auftrag der Hagana illegale Transporte zu organisieren und Schiffe nach Palästina zu bringen. Außerdem war ich Kommandant auf einem der drei Exodus- Schiffe gewesen. So hieß es nun: ‚Geh nach Amerika und bringe Chaluzim, Pioniere!‘

Ich habe mich nicht geweigert – der neue Staat bestand schon seit drei Jahren, wir hatten nun ein eigenes Land mit eigener Regierung. Israel war arm, es war die Zeit der ‚Zena‘: Alles gab es auf Marken – wie in Kriegszeiten.
In USA angekommen, besuchte ich Herrn Prof. Joffe, einen bekannten Botaniker an der Brunswick University, um mich mit ihm über Hydrokultur zu beraten. Da mein Englisch nicht ausreichend war, unterhielten wir uns auf Jiddisch. Als ich ihm unsere Nutrient-Lösung-Formel aufschrieb, nickte er mit dem Kopf und meinte: Du solltest ein Jahr lang die ersten Semester einer Universität besuchen – und dann sprechen wir uns wieder. Es lag sicher nicht in seiner Absicht, aber ich war tief beschämt. Keine Universität würde mich nur mit einem Volksschulabschluss aufnehmen, und außerdem hatte ich einen anderen Auftrag.

Im Herbst beschloss ich nach Miami zu fahren, wo es eine Hydrokulturfarm gab. Sie war die einzige relativ bekannte und lag neben der Hauptstraße an der Schlangenfarm, in einer Wüstengegend. Als Kriegsveteran hatte der Besitzer dieses unfruchtbare Land umsonst bekommen und darauf seine Hydrokultur-Anlage errichtet. Die Anlage umfasste 1000m² und entsprach der Anlage, die er während seiner Militärzeit in Ascensien – Iland gesehen hatte.

30 Meter lang, mit Kies gefüllte Betonbecken, ein Meter breit, waren an einem Ende durch einen Kanal verbunden. Durch eine Pumpe wurde von einem unterirdischen großen Reservoir die Nährlösung in den Kanal gepumpt, staute sich in dem Becken und floss, wenn sie fast die Oberfläche der Steinschicht erreicht hatte, wieder zurück. Be– und Entwässerung dauerten 35 Minuten. Der Rückfluss in das Reservoir ermöglichte die Aufnahme von Sauerstoff. Bepflanzt war die Anlage mit grünen Erbsen, die sehr gesund aussahen. Nach einer halben Stunde hatte ich alles ausgemessen und aufgeschrieben. Da ich aber längere Ausbildung nachweisen musste, blieb ich eine Woche. Jetzt war ich überzeugt.

Zurück in Israel musste ich noch viele Erklärungen abgeben, daß auf Steinen etwas wachsen kann. Dann kam noch die Frage auf: Ist diese Art der Bepflanzung im siebenten Jahr erlaubt. Der Bibel nach soll der Boden im Heiligen Land im siebten Jahr ruhen (3. Mose, 25). Wasserkulturen haben keinen Bezug zum Boden, aber was war mit Steinen? Um dieses halachische Problem zu lösen, sollte ich mich mit dem anerkannten und besten Gelehrten in religiösen Angelegenheiten treffen, mit dem Chason-Isch. Der Kibbutzrabbiner, der auch Parlamentsmitglied war, bereitete das Treffen vor.

An einem bestimmten Nachmittag sollte ich vor der Hintertür eines Hauses in Bnei Brak warten, bis man mich hereinriefe. An der Vordertür, so hieß es, würde mich seine Frau abweisen. Als ich zur verabredeten Zeit ankam, war der Hintereingang halboffen und so trat ich hinein. Der Chason-Isch saß halbsitzend auf einem ganz einfachen Eisenbett, einen geöffneten Talmud-Folianten vor sich. Im Zimmer gab es noch eine alte Kommode und zwei Stühle. Hinter seinem Bett stand ein älterer Mann, der später Bürgermeister des Städtchens wurde.
Der Chason-Isch wollte alle Details wissen und so dauerte das Gespräch drei Stunden. Er klärte mich auf, daß sich der Segensspruch über Früchte auch auf Hydrokultur beziehe, da alle Chemikalien (außer Stickstoff) aus dem Boden kamen und insofern alle mit dem Boden verbundenen jüdischen Gesetze anzuwenden seien. In Bezug auf das siebente Ruhejahr sah er keinerlei Schwierigkeiten, da sich die Gesetze für das Brachjahr nur auf Boden im Heiligen Land beziehen. Er wünschte sich eine kleine Demonstration der Anlage. Über die anfallenden Kosten befragt, bekam ich 350 Shekel (ungefähr 350 Dollar) bar und ohne Quittung auf die Hand. Erst um Mitternacht kam ich nach Hause und musste gleich das ganze Gespräch bis in jede Einzelheit unserem Rabbiner wiederholen, der, wie meine Frau mir berichtete, die ganze Zeit im Speisesaal auf mich gewartet hatte.
Ich übernahm nun die Nachtwache im Kibbuz, um tagsüber für mein Projekt frei zu sein. Die erste Kieskultur- Installation bestand aus zwei Meter langen und einen Meter breiten Anlagen mit einem Reservoir und einer Pumpe. Als Pflanzensubstrat dienten Basaltsteine, die auch bei der Hühnerfütterung gebraucht wurden. Selbst Pflanzenbefestigungsanlagen gab es. Das Resultat: Es ging! Tomaten, Salat, Radieschen und Gurken – alles schmackhaft und schön! Man staunte.

Eine Pressekonferenz, vom Vize - Parlamentsvorsitzenden organisiert, brachte die Nachricht von unserem Erfolg in die Zeitungen und den Rundfunk. Viele waren skeptisch – ob das auch wirklich alles stimmte? Die Mist– und Kompost- Gläubigen – und davon gab es viele – lachten über diesen Betrug.

Mittlerweile berechnete ich den zu erwartenden Ertrag pro Pflanze und Hektar und schickte die ersten Artikel an das Landwirtschaftsbulletin. Meine Ergebnisse wurden sehr bezweifelt, da ich die bisher bekannten Zahlen um das Fünffache übertroffen hatte. Die Höhe des durchschnittlichen Tomatenertrags pro m² war 4 kg, eine fast ‚heilige‘ Zahl, die jeder kannte und überall nachzulesen war. Ja, es gab ausnahmsweise mal 6 kg, aber ‚über 20 kg‘ war alles andere als glaubhaft.

Als der Artikel unzensiert veröffentlicht wurde, brachte es dem Kibbuz einen schlechten Ruf. ‚Ihr Übertreiber!‘ hieß es. Auch die Mitglieder waren skeptisch. Außerdem: Man durfte doch nicht von einem m² auf 1.000 m² schließen. Eine Pflanze konnte einfach nicht soviel produzieren. Wie viel Diskussionen musste ich führen und überzeugen, daß in dieser Beziehung 1 m² und 1.000 m² doch sehr ähnlich sind. Und dann kam die offizielle staatliche Versuchsstation, die alles überprüfen sollte, ebenso ein Team vom Weizmann-Institut. Einige wenige Naturwissenschaftler unterstützten jedoch meine Methode. Ich hatte ja keine wissenschaftliche Erfahrung und verstand nicht einmal die Grundbegriffe. Natürlich lief nicht alles planmäßig und manche Pflanzen waren krank. Alles Schlechtaussehende habe ich schnell vernichtet – die ‚Alleswisser‘ warteten ja nur darauf, meinen Misserfolg aufzudecken.

Nach zwei Jahren wollte ich eine rentable Einheit von 1.000 m² anbauen. ‚Das Risiko ist zu groß. Von 10 m auf 100m, dann sehen wir weiter‘, hieß es. Meine Einwände halfen nicht. Noch zwei weitere Jahre hat es gedauert bis ich zwei 30 m – Einheiten bekam, die sich später als völlig unnütz erwiesen – ein Fehlprodukt, aber psychologisch für die Skeptiker erforderlich.
Inzwischen wurde die Methode bekannt. Man sagte uns, wir müssten billiger bauen, denn Betonbeete sind teuer. Also benutzten wir Eternitbeete für die Anlage.

Der Bürgermeister von Jerusalem besuchte uns und erkundigte sich, ob wir eine solche Pflanzenzucht in Jerusalem installieren könnten, wo ein großer Mangel an frischem Gemüse herrschte.

Dann sollte eine zweite Versuchsstation in Eilath errichtet werden. Nun flog damals zweimal in der Woche ein kleines Flugzeug nach Eilath. Die Passagiere wurden gewogen. 10 kg durfte man mitnehmen. Man beschloss, für den Kindergarten als Geschenk ein paar Kilo Erde mitzubringen, sodass man einige Pflänzchen wachsen lassen könnte.
Ein älterer Kibbuznik war für ein Jahr in Eilath und sollte sich um die Hydroponische Anlage kümmern. Aufgebaut hatte er sie schnell – 10 m² und einen großen starken Zaun drum herum. Granitkiesel fanden wir massenweise in einem benachbarten Wadi. Erschwerend kam allerdings das salzhaltige Wasser in Eilath dazu. Süßwasser wurde nur zum Trinken verwandt. Der hohe Salzgehalt des Wassers (2500 mg/l), das viel Magnesium enthält, war laut Fachliteratur für Kulturpflanzen unverträglich. So bekamen wir die Erlaubnis, die Hälfte der benötigten Menge mit meerentsalzenem Wasser aufzufüllen, um eine verwendbare Nährlösung zu bereiten.

Die ersten Pflanzen waren sofort ein Raub der Vögel – es waren schließlich die einzigen grünen Blätter in einem Umkreis von 50 km. Also spannten wir Maschendraht über die Pflanzen. Die ersten Radieschen und Salatpflanzen waren eine Attraktion in Eilath. Das alles war auf Steinen gewachsen! Als wir ein Jahr später versuchten, eine spezielle Nährlösung mit reinem Salzwasser herzustellen, hatten wir bei Tomaten und Gurken Erfolg. Der ‚ertrag‘ waren einige wissenschaftliche Artikel und ein neues Versuchsfeld – diesmal in Beer Sheva.

Der Projektverantwortliche in Eilath konnte nicht verstehen, wie die Pflanzenwurzeln solch minimale Kupfer– und Zinkmengen in der Nährlösung finden können. Er war sicher, ich müsse mich geirrt haben – und fügte die hundertfache Menge der Mineralien der Nährlösung hinzu, eine Menge, die der Literatur nach giftig für die Pflanzen war. Doch erstaunlicher Weise war keine nachteilige Wirkung feststellbar – im Gegenteil, der ‚Fehler‘ hatte neue Forschungsprojekte zur Folge. So wurde aus der zunächst verpönten Salzwasserbewässerung eine vielfach angewandte Routine. Eine neue Ära für aride Zonen hatte begonnen: Sandwüsten waren nun keine Öde mehr – ‚bringt nur etwas Wasser und die Wüste wird grün‘, heißt ab jetzt die Devise. Die geglückten Versuche in den Sand-Dünen hatten hunderter von Gewächshäusern im Süden Israels zur Folge.

Jetzt wurde das Ausland aufmerksam und unsere Methode kam in anderen ariden Gebieten wie Sizilien, den Kanarischen Inseln und in Peru zur Anwendung. Die Entwicklung von Granitsteinmatten erzeugte prächtige, inzwischen weitverbreitete Wurzelmedia. Die Tröpfelbewässerung mit der Nährstofflösung verringerte den Wasserverbrauch, die Hydrokultur ist zu einem Erwerbsfaktor geworden – und Israelis leben nicht schlecht von dieser Entwicklung

(12.04.2008)
Update: 15.09.2012 00:00:00