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Nachlese zum Weltkongress Gebäudegrün 2017 in Berlin

World Green Infrastructure Congress (WGIC 2017)

Vom 20. – 22. Juni 2017 fand in Berlin der World Green Infrastructure Congress (WGIC 2017), oder frei übersetzt der Weltkongress Gebäudegrün, statt. Unter der Schirmherrschaft der Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks und des Regierenden Bürgermeisters von Berlin beeindruckte der Kongress durch 825 Teilnehmer aus 44 Ländern. Insgesamt 104 Referenten aus 21 Ländern präsentierten eine Vielzahl von Themen aus den Bereichen Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünung. In idealer Weise ergänzt wurde die Vortragsveranstaltung durch 49 Aussteller die sich im Atrium des Mercure Hotels präsentierten.

Veranstaltet wurde der Kongress von der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung e.V. (FBB) in Zusammenarbeit mit dem World Green Infrastructure Network, Greener Cities in Europe und erstmals dem Fachverband Raumbegrünung und Hydrokultur. Diese Verbindung hat sich als äußerst vorteilhaft erwiesen, ermöglichte es doch den Teilnehmern den Kontakt und Erfahrungsaustausch mit Kollegen der Pflanzenverwendung im Innen- und Außenbereich.

Der Kongress startete mit drei Einführungsreferaten, die die Bedeutung von Grün in der urbanen Gesellschaft thematisierten. Darunter auch ein Beitrag von Patrick Blanc, der, als Altmeister der Vertikalbegrünung, vermutlich die größte Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nehmen konnte. Er stellte in seiner Präsentation eine Vielzahl von Projekten aus zahlreichen Ländern vor, ohne allerdings auf Details oder gar besondere Anforderungen einzugehen.

Nach der morgendlichen Auftaktveranstaltung folgten dann die Fachvorträge, verteilt auf fünf parallel verlaufende Sektionen. Eine dieser Sektionen war der Innenraumbegrünung gewidmet. Der Schwerpunkt der Themen lag eindeutig in der Außenbegrünung, wobei Fragen der Technik von Fassaden- und Dachbegrünungen, des Regenwassermanagements, zahlreichen Begrünungsbeispielen bis hin zur Wirkung von derartigen Begrünungen auf die Menschen im urbanen Raum und das Klima behandelt wurden. Das Schlagwort „Green City“ zog sich als roter Faden durch alle Vorträge. Gerade in den riesigen Metropolen Mittel- und Südamerikas sowie im asiatischen Raum hat man erkannt, dass in einer intensiven Begrünung der Schlüssel zu einem menschenwürdigen Wohn- und Arbeitsumfeld liegt. Die gezeigten Beispiele aus verschiedenen asiatischen Metropolen beeindruckten durch die Dimension der Projekte im Innen- und Außenbereich. Hier scheint Geld überhaupt keine Rolle zu spielen. In Deutschland und anderen europäischen Ländern sind wir davon noch weit entfernt.

In der Sektion Innenraumbegrünung wurden im Verlauf der beiden Tage interessante Vorträge zu verschiedenen Themenkomplexen präsentiert, die die gesamte Spannbreite der Raumbegrünung abdeckten:

  •           Gebäudebegrünung. Architektur und Natur in der verdichteten Stadt
  •           Gerhard Zemp (Planungsbüro Aplantis, CH)
  •           Indoor greening in China: Advance in research and practices – Wendy Chen
  •           Die FLL-Innenraumbegrünungsrichtlinie – Was wird in der Ausgabe 2018 neu? - Prof. Manfred Köhler
  •           The happy marriage between healthcare environments and green infrastructure.
  •            David Brasfield (Scandinavian Green Roof Association, N)
  •            Unterstützung der Klimatisierung von energetisch hocheffizienten Gebäuden durch vertikale Innenraumbegrünung.
  •            Dr. Annette Bucher (Hochschule Weihenstephan-Triesdorf)
  •           "Licht" und Temperatur. Grundlagen einer erfolgreichen Planungsstrategie in der Innenraumbegrünung.
  •            Prof. Dr. Karl-Heinz Strauch (Beuth-Hochschule Berlin
  •            Lampen und Leuchten für die Innenraumbegrünung.
  •            Holger Dinter (DHLicht)
  •            Pflanzen richtig ernähren in der Innenraumbegrünung.
  •            Dr. Heinz-Dieter Molitor (Hochschule Geisenheim University)
  •            Bewässerungsstrategien im Innenraum.
  •            Prof. Dr. Karl-Heinz Strauch (Beuth-Hochschule Berlin)
  •            Pflege und Wartung von Innenraumbegrünungen.
  •            Alexander Hildebrand (Pflanzenforum, Bodenheim)
  •            Gesunde Pflanzen durch Nützlingseinsatz in der Innenraumbegrünung.
  •             Michael Hornburg (Katz Biotech AG)
  •             Firmennetzwerke in der Innenraumbegrünung.
  •             Jürgen Herrmannsdörfer (Green Office Decker)
  •             Was muss getan werden, um die Pflanzen auf die Verwendung im Projekt vorzubereiten?
  •             Cees Podt (Nieuwkoop, NL)
  •              Beyond Greening – Raising the Social and Health Value of Skyrise Greenery. – Kay Pungkothai
  •             Die Zukunft der Innenraumbegrünung – Ein Plädoyer für Begrünungssysteme als unverzichtbarer Teil der Innenarchitektur. – Michel Aebi (Creaplant AG, CH)
  •              Indoor Green Walls a better quality of life. – Babul Ignacio Espoz (Chile)
  •              Pflanzenbegeisterung beim Verbraucher – ein Megatrend? – Frank Teuber (Blumenbüro Holland)

Die Vorträge zur Innenraumbegrünung waren sehr gut besucht. Offensichtlich nutzten viele Teilnehmer aus dem Bereich der Landschaftsarchitektur die Gelegenheit sich über die besonderen Bedingungen und Anforderungen in diesem Bereich zu informieren. Ein großer Teil der Präsentationen, wie auch das Ausstellerverzeichnis und eine Bilder-Show, können als pdf-Dateien unter dem folgenden Link heruntergeladen werden: http://www.gebaeudegruen.info/service/downloads

Die am dritten Tag angebotenen Exkursionen zu Praxisobjekten in Berlin waren der krönende Abschluss des Kongresses. Es wurden fünf Themenschwerpunkte angeboten: Dachbegrünung, Fassadenbegrünung, Innenraumbegrünung, Gebäudebegrünung und Stadtgrün. Die Exkursion Innenraumbegrünung startete mit der Bambushalle Tegel, anschließen ging es weiter zur Vertikalbegrünung im Kulturkaufhaus Dussmann, sowie zum Tropenhaus des Botanischen Gartens der Freien Universität. Die Exkursion endete auf der IGA Berlin mit der Besichtigung der Hallenschau Innenraumbegrünung.  Nachfolgend sollen die beiden Begrünungsobjekte Bambushalle Tegel und im Kaufhaus Dussmann etwas ausführlicher dargestellt werden.

Bambushalle Tegel
Die Bedingungen für die Pflanzen sind in diesem Objekt sehr schwierig. Sie sind gekennzeichnet durch extreme Licht und Klimabedingungen. So kommt es besonders im Frühjahr durch Reflexion an der mit Edelstahl verkleideten Innenfassade zu plötzlich starker Einstrahlung, der die Pflanzen schutzlos ausgeliefert und nicht angepasst sind.


Die relative Luftfeuchte ist trotz Wasserfall wegen der hohen Luftwechselrate sehr niedrig. Zum Besichtigungstermin betrug sie lediglich 37 %. Daran würde auch die seit Jahren abgeschaltete Luftbefeuchtung nichts wesentlich ändern. Während der Heizperiode verschärft sich die Situation noch durch die Warmluftheizung, deren Luftstrom teilweise auf die Pflanzen gerichtet ist und deutlich sichtbare Schäden verursacht. Verbreitet sind Blattrandnekrosen und Absterbeerscheinungen an verschiedenen Pflanzenarten zu sehen. Am besten scheinen noch Epipremnum als Bodendecker mit der Situation zurecht zu kommen. Eine große Schwarze Olive (Bucida buceras) in einem Gefäß unmittelbar am Eingang leidet ganz offensichtlich. Eine leichte Bewegung am Stamm führt sofort zu heftigem Blattfall. Unmittelbar über der Pflanze befinden sich Auslassöffnungen der Warmluftheizung. Das Substrat aus einem Mineralgemisch ist “knochentrocken“. Die Wasserversorgung ist offensichtlich nicht optimal, ein Mangel, den Bucidas nicht verzeihen. Die Pflanzbeete werden automatisch bewässert; Düngung erfolgt nur viermal jährlich. Infolge der ariden Klimabedingung kommt es zu deutlich sichtbaren Salzausblühungen auf der Substratoberfläche. Alles in allem ein schwieriges Objekt, in das investiert werden müsste, um den Pflanzen auskömmliche Bedingungen zu verschaffen. Wer das Objekt vor einigen Jahren bereits besichtigt hat erkennt sofort die zwischenzeitlich eingetretene Verschlechterung bei der Pflanzenqualität.

Grüne Wand im Kulturkaufhaus Dussmann
Nächste Station war die Vertikalbegrünung im Kaufhaus Dussmann, die mit einer Wandfläche von 18 m Höhe und 15 m Breite, unterteilt in drei Sektionen, beeindruckt.


Erstellt wurde die Wand im Jahre 2012 nach dem System von Patrick Blanc, nach dessen Vorgabe auch die Pflanzung erfolgte. Sie ersetzte eine zuvor bestehende sterile Leuchtwand. Auf den ersten Blick sieht die Wand sehr natürlich aus. Freie Flächen, die vorher mit Pflanzen bestückt waren, sind jetzt mit Algen und Moos bewachsen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass bis in die jüngste Vergangenheit immer wieder nachgepflanzt werden musste. Auch zum Besichtigungstermin zeigen sich an verschiedenen Pflanzenarten Blattschäden. Ursächlich dafür dürfte die andauernde Nässe in der Wand sein. Pro Sektor gibt es zwar vier Wasserkreisläufe, innerhalb derer aber Pflanzen mit unterschiedlichem Wasserbedarf versorgt werden. Außerdem besteht ein Temperaturunterschied in der Vertikalen von etwa 6 °C und Luftbewegung bis zu einem Meter pro Sekunde. Lichtmangel ist hingegen wenig wahrscheinlich. Außerhalb der Betriebszeiten, beginnend ab 24 Uhr, erfolgt eine massive Assimilationsbeleuchtung durch 111 Lampen mit etwa 6.000 lx. Für Pflegemaßnahmen in der Wand steht eine Gondel zur Verfügung, die für die einzelnen Sektionen lediglich umgesetzt werden muss.  Offen blieb die Frage, wie gedüngt und ob das eingesetzte Stadtwasser technisch aufbereitet wird. Für das Fischbecken am Fuße der Wand gibt es in Verbindung mit den in der Wand integrierten Wasserfällen einen eigenen Kreislauf. Die Bewässerung der Wand ist so gesteuert, dass nur ein geringer Überschuss anfällt, der abgeleitet wird. Die Vertikalbegrünung im Medienkaufhaus Dussmann dürfte die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen. Offen blieb allerdings die Frage, welcher laufende Aufwand dafür erforderlich ist.   
Und jetzt noch die dazu gehörende Galerie

[04.08.2017]

Update: 19.08.2017 10:20:12