Buntnessel

Geisenheimer Manifest zur Hydrokultur

© Stefan Hecktor

eine Grundsatzerklärung, ein Programm zu Hydrokultur in Deutschland

1. Entwicklung des Systems "Hydrokultur"
In den1970er und 1980er Jahren fand eine rasante Entwicklung der "Hydrokultur" statt. Sie betraf den professionellen Bereich der Begrünung von Objekten ebenso, wie den privaten Bereich der Endverbraucher und wurde begleitet durch umfangreiche Untersuchungen in nahezu allen gärtnerischen Versuchs- und Forschungseinrichtungen in Deutschland. Diese Entwicklung fand ein jähes Ende ab Mitte 1990. Verantwortlich dafür waren zu hohe Erwartungen an die Betriebssicherheit des Systems, Fehlentwicklungen (Topfhöhen kleiner 12 cm) und nicht korrigierte Systemschwächen, mangelnde Bereitschaft zur betriebsübergreifenden Zusammenarbeit und die Ausdehnung der Vermarktung auf fachfremde Verkaufseinrichtungen. Das exklusive Produkt "Hydrokultur" wurde zum Massenartikel degradiert und ohne ausreichende fachliche Beratung verramscht. Als Folge nahm das Interesse im Privatbereich an der "Hydrokultur" drastisch ab. Es erfolgte eine Konzentration auf den professionellen Bereich der Raumbegrünung; das Segment der privaten Endverbraucher wurde aufgegeben. In dessen Folge fand eine deutliche Bereinigung sowohl der Anzahl der Erzeugerbetriebe als auch im Bereich des Angebots von "Hydrokultur"-Pflanzen statt. Ebenso nahm die Anzahl wissenschaftlicher Untersuchungen drastisch ab.

2. Wo steht die "Hydrokultur" heute?
Die "Hydrokultur" ist immer noch das dominierende System in der professionellen Raumbegrünung. Sie steht aber nicht mehr alleine da. Diverse Langzeitbewässerungssysteme mit Wasserspeichern haben sich erfolgreich am Markt etabliert. Bei diesen Systemen werden häufig mineralische Substratgemische auf der Basis von Bims, Lava und Zeolithe eingesetzt. Deren Vorteil ist, dass herkömmliche Pflanzen eingesetzt werden können. Derartige Systeme und das "System Seramis" haben sich im privaten Bereich der Endverbraucher nicht zuletzt unter dem Einfluss von Lechuza etabliert. Das Angebot an "Hydrokulturpflanzen" ist deutlich eingeschränkt. Auf der Produzentenseite gibt es nur noch wenige Betriebe. "Hydrokultur"-Pflanzen für Endverbraucher werden kaum noch angeboten und wenn überhaupt nur noch Zubehör vermarktet.
Alleine die deutlich zugenommene Vermarktung über firmeneigene oder allgemeine Internetportale konnte diesen Rückgang teilweise abmildern. Wegen des geschrumpften Marktes und der angespannten finanziellen Situation ist die Bereitschaft zur Weiterentwicklung des Systems sehr gering. Teilweise seit Jahrzehnten bekannte Systemschwächen werden dadurch bedingt nicht konsequent angegangen und bereinigt.
 
3. Wiederbelebung des "Systems Hydrokultur"?
Für eine Wiederbelebung des Systems "Hydrokultur" spricht, dass es sich um ein nachhaltiges System handelt. Neben der erwiesenen langen Haltbarkeit der Pflanzen gründet sich dies auch auf die Herstellung der System-Komponenten und der nahezu unbegrenzten Wiederverwendbarkeit des Substrates Blähton. Durch den Verzicht auf organisches Substrat gilt das Hydrokultur-System als sauber und wenig anfällig für bodenbürtige Krankheiten. Bei keinem anderen System der Pflanzenhaltung liegt eine derartige Fülle an Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen vor, wie bei dem System "Hydrokultur". Bei keinem anderen System wurden aber auch notwendige Veränderungen über einen derart langen Zeitraum verschleppt. Wichtige Voraussetzung für eine Wiederbelebung ist deshalb, dass die bekannten Schwächen des Systems konsequent angegangen werden. Dazu muss eine fortlaufende Systemoptimierung klar erkennbar sein.
Die Wiederbelebung des "Systems Hydrokultur" erfordert eine konzertierte Aktion aller am Markt beteiligten Akteure. Hierin liegt vermutlich die größte Herausforderung, da es die "Hydrokultur" nicht aus einer Hand gibt. Es bedarf einer übergreifenden Organisation, ausgestattet mit dem Mandat Mehrheitsbeschlüsse nach unten durchzusetzen und einer angemessenen finanziellen Ausstattung.  
 
4. Was kann die DGHK dazu beitragen?
Die DGHK verfolgt ausdrücklich keine wirtschaftlichen Ziele. Sie sieht ihre Aufgabe darin als unabhängiger Verein Fachwissen für professionelle Raumbegrüner und für private Endverbraucher bereitzustellen. Bisher geschieht dies über ein breites Angebot auf den Internetseiten und durch das regelmäßige Erscheinen von "Hydrokultur intern". Ergänzend dazu erscheint die Weiterentwicklung des Angebotes in sozialen Medien dringend geboten. Hierin besteht erheblicher Nachholbedarf. Die personelle und finanzielle Kapazität des Vereins ist damit ausgeschöpft. Weitergehende Forderungen und Aktivitäten sind denkbar und wünschenswert, stehen aber in jedem Einzelfall unter der Prämisse, dass sich dafür Personen und Sponsoren finden, die diese Aufgaben übernehmen.
 
5. Wohin entwickelt sich die DGHK?
Neue Anwendungsformen, wie die Vertikalbegrünung oder völlig neue Anwendungsbereiche von Pflanzen in Zusammenhang mit dem Trend zum "Urbanen Gärtnern", ergänzen inzwischen die traditionelle Innenraumbegrünung. Für die DGHK ist dies nicht neu, wurde sie doch zu einem Zeitpunkt gegründet, als der Schwerpunkt eindeutig auf der Entwicklung von erdelosen Kulturverfahren zur Erzeugung dringend benötigter Nahrungsmittel lag. Die Kultur von Zierpflanzen kam erst später hinzu. Es erscheint deshalb sinnvoll und notwendig in Zusammenhang mit dem Trend zum "Urbanen Gartenbau" diesen Faden wieder aufzunehmen. Unsere Gesellschaft würde dadurch auf eine breitere Basis gestellt, wobei sich die Erkenntnis aus der Raumbegrünung in vielen Bereichen auf das neue Tätigkeitsfeld übertragen lassen. Außerdem kann auf eine Fülle von wissenschaftlichen Erkenntnissen zurückgegriffen werden, die in Zusammenhang mit modernen Verfahren der erdelosen Kultur im professionellen Bereich des Gartenbaus gewonnen wurden.

(28.11.2016)

 

 
Update: 10.02.2017 11:33:27